Wie man mit Angehörigen nach einem Trauerfall umgehen sollte

Veröffentlicht: Juli 15, 2012 in Psychozeug, Ratgeber
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1. Frag nach allen(!) Details, keine Frage ist zu intim, denn die Angehörigen freuen sich wenn sie 4279 entfernten Bekannten wieder und wieder in aller Breite das Wie und Warum ihres Verlustes erzählen dürfen.

2. Kläre sofort alle Detailfragen noch am ersten Tag, schließlich ist es ungemein wichtig, dass deine Blumen perfekt zum restlichen Grabschmuck passen und farblich auf die Kleidung des Toten abgestimmt sind. Solche Details sind den Angehörigen grade im Chaos der ersten Tage sehr wichtig. Rufe wenn möglich auch mehrfach an um an die Klärung der Fragen zu erinnern.

3. Erzähle von deinen eigenen Trauerfällen wie z.B. damals als deine Katze überfahren wurde und der Tierarzt sie einschläfern musste. Den trauernden Angehörigen zu Mitleidsbekundungen zu nötigen hilft ihm, den eigenen Verlust zu verarbeiten.

4. Sprich ausführlich über Personen, die eigentlich viel schlimmer krank waren oder weit älter als der Verstorbene sind und die es trotzdem geschafft haben zu überleben. Sowas heitert wahnsinnig auf.

5. Erkläre dem Trauernden, wie froh er sein kann und dass es noch viel schlimmere Trauerfälle gibt. Idealerweise erzähle von einem eigenen Trauerfall, der weit dramatischer war.

6. Erläutere dem Trauernden mögliche Gründe für Schuldgefühle, wie etwa zu wenige Besuche in letzter Zeit oder plaudere aus dem Nähkästchen wie enttäuscht der Verstorbene zuletzt über den Trauernden war wegen irgendeiner Kleinigkeit.

7. Packe Plattitüden wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ aus – idealerweise wenig ermutigende wie „Über sowas kommt man nie hinweg.“

8. Reagiere Konsterniert wenn der Trauernde nicht auf die Art trauert, die du für richtig hältst. Weise ihn darauf hin wie er zu trauern hat und besonders wenn er aus deiner Sicht falsch reagiert. Möchte er lieber schweigen, zwinge ihm ein Gespräch auf („Reden hilft!“), möchte er reden erkläre ihm, wie wichtig Ablenkung ist

9. Überfalle den Trauernden mit deiner eigenen Trauer, denn als Ehemann oder Kind des Verstorbenen ist immer Energie da, den Cousin dritten Grades, dem man zu Weihnachten eine Karte geschrieben hat in seinem unendlichen Leid zu unterstützen. Dabei ist es wichtig nicht nur Traurigkeit zu zeigen sondern sich selbst vollkommen ins Zentrum der Trauer zu setzen.

10. Sei angepisst wenn dir nicht sofort Bescheid gegeben wurde., Auch als Cousin dritten Grades hast du das Recht innerhalb einer Stunde nach dem Tod des Verstorbenen informiert zu werden. Dränge und diskutiere wenn die Angehörigen Pläne haben, die dir nicht gefallen, wie etwa eine Beerdigung im engsten Kres oder ein geschlossener Sarg. Setze dich im Idealfall einfach über die Wünsche der Angehörigen hinweg und mach, was du für richtig hältst.

Kommentare
  1. Robin Urban sagt:

    11. Betone unbedingt, dass der Todesfall irgendwie in Gottes Plan passt. Je jünger der Verstorbene und je plötzlicher/schmerzhafter der Tod, desto angebrachter ist dieser Verweis. Lobreden auf die unendliche Weisheit unseres Himmlischen Vaters helfen ungemein.

    Bist du gerade persönlich betroffen oder war das nur eine allgemeine Überlegung?

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  2. gnaddrig sagt:

    Wenn ich auch noch mein Scherflein ergänzen darf:

    Humor hilft immer. Achte darauf, themenbezogene Witze zu machen. Je nach Art des Trauerfalls sind Arzt-, Krankenhaus-, Pflegeheim-, Straßenverkehrs- oder Selbstmörderwitze angebracht. Es hat sich bewährt, aus Ulrich Roskis
    Tu alles dafür, dass die Trauernden mit befreiendem Lachen reagieren.

    Offenheit hilft auch immer. Achte darauf, dass immer mindestens ein, zwei andere Leute mithören, was Du den Trauernden so sagst. Je mehr Zuhörer, desto besser. Sorge dafür, dass sie sich nicht in ihrem Leid verkriechen, sondern tritt alles vor möglichst großem Publikum möglichst breit.

    Auch wenn die offizielle Grabrede von wem anders gehalten wird, kann man mit einer, sagen wir, inoffiziellen zweiten Traueransprache den Trauernden sehr bei der Verarbeitung ihres Leids helfen. Ulrich Roski hat mit Den Seinen unvergessen ein sehr schönes Beispiel für feinfühlige Worte im Trauerfall vorgelegt. Als intellektuell einfacher zugeschnittene Alternative bietet sich Ehrenmann von den Toten Hosen an.

    Aber jetzt mal ohne Scheiß: Am Schwierigsten ist es, dass man fast immer nicht weiß, was man sagen soll. Dass man viel zu leicht Banalitäten rausblubbert, statt dazu zu stehen und mitzuteilen, dass man bei allem Mitgefühl eben nichts zu sagen weiß.

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    • gnaddrig sagt:

      Da ist mir ein Bruchstück in den ersten Absatz gerutscht, den ich da eigentlich gelöscht zu haben geglaubt hatte: Es hat sich bewährt, aus Ulrich Roskis hat da nichts zu suchen, den Roski habe ich unter die Grabrede geschoben:/

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  3. Wie es der Zufall will, ist gerade die Gelegenheit günstig, diese Liste komplett abzuarbeiten. Das ich nicht persönlich betroffen bin, bereichert das Vorhaben nur. Ich werde gleich morgen früh beginnen.😉

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  4. Nadine sagt:

    Wie Recht Du hast, ich werde das beim nächsten Trauerfall berücksichtigen😉

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  5. Joan sagt:

    Eine Ergänzung hätte ich auch noch: Frage direkt nach der Beisetzung am offenen Grab, was denn das Studium macht und was man sonst so für Pläne hat. (Hat eine angeheiratete Großtante bei der Beerdigung meines Großvaters gebracht. Eigentlich hätte ich sie einfach ins Grab hinterherschubsen können, aber er mochte sie nicht besonders…^^)

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