Kurzgeschichte.

Veröffentlicht: September 11, 2012 in Uncategorized
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Das Messer in seiner Hand fühlte sich vertraut an. Er fuhr mit dem linken Zeigefinger vorsichtig an der kalt glänzenden Schneide entlang und prüfte erneut die Schärfe seiner Waffe. Es beruhigte ihn, sich ihrer Gefährlichkeit zu versichern, dennoch war sein Puls höher als er es gerne gehabt hätte. Er hatte immer gewusst, dass dieser Tag irgendwann kommen könnte. Er war seit seiner Geburt von seinen Ausbildern darauf vorbereitet worden. Bevor er seinen Frühstücksbrei mit einem Löffel essen konnte, hatte er schon ein Messer in der Hand gehalten. Das Messer war seither sein ständiger Begleiter gewesen. Täglich hatte er mehrere Stunden mit dem Messer trainiert. Hatte es tausende Male auf eine Zielscheibe geworfen, später auf Tiere, war ebenso oft mit dem Messer beworfen worden.
Er blickte auf die zahlreichen Narben an seinem Körper. Die Ausbildungsmesser waren kurz gewesen, nie drangen sie lebensgefährlich tief in den Körper ein. Dennoch erinnerte er sich ungern an die Zeiten bevor er die erforderliche Geschicklichkeit errungen hatte um den spitzen Wurfgeschossen auszuweichen. Teilweise hatte er abends aus zehn verschiedenen Wunden geblutet und seine Pflegemutter hatte ihn barsch ermahnt, in Zukunft rascher auszuweichen während sie seine Verletzungen verband. Er vermutete, dass sie ebenso stark unter den Verletzungen gelitten hatte wie er, doch sie hatte nie ein Wort in diese Richtung verloren. Dennoch meinte er, Erleichterung in ihren Augen wahrgenommen zu haben, jedes Mal wenn er unverletzt vom Training kam.
Er wusste, dass seine Kindheit nicht normal war, auch wenn er sich darüber nie mit Gleichaltrigen hatte austauschen können. In der Tat hatte er nie mit Menschen zu tun gehabt, die nicht wesentlich älter als er gewesen waren. Er hatte jedoch insgesamt noch nicht viele Menschen kennengelernt. Das Stimmengewirr, das aus der Arena zu ihm drang, verunsicherte ihn daher. Er hatte noch nie so viele Menschen auf einmal gehört und schon gar nicht gesehen. Irgendwo in dieser Menge saßen seine Eltern und warteten darauf, ihn zum ersten Mal zu sehen. Er hoffte, er würde ebenfalls die Gelegenheit haben, sie zu erblicken. Andererseits war jeder Moment der Unaufmerksamkeit potentiell tödlich und es war fatal, sich von der Tatsache ablenken zu lassen, Mutter und Vater zu Gesicht zu bekommen. Er hatte schon häufig über diese Situation nachgedacht und beschlossen, während des Kampfes nicht in das Publikum zu blicken. Erst wenn er gesiegt hatte würde er den Blick nach oben richten und sich wieder Menschlichkeit erlauben. Er hoffte, sein Gegner würde diese Disziplin missen lassen und sich einen Moment der Unaufmerksamkeit gestatten, den er mit einem gezielten Wurf seines Messers für sich nutzen und den Kampf so für sich entscheiden würde. Andererseits war ihm klar, dass sein Gegner vermutlich durch dieselbe Schule gegangen sein musste wie er. Obwohl sie sich als Gegner, sogar als Todfeinde, gegenüberstanden, war er doch in der gesamten Arena der Einzige, der ihn wirklich verstehen konnte. Sie waren im Moment weit mehr Brüder als er und seine leiblichen Brüder – falls er welche haben sollte.
Er wusste, er sollte nicht darüber nachdenken. Bereits früh war ihm die Notwendigkeit dieses Rituals vermittelt worden. Es war unabdingbar, dass einer von ihnen den Tod fand. Neben seiner Kampfesausbildung hatte er auch eine umfangreiche Schulbildung genossen, die ihn auf seine spätere Rolle als Staatsoberhaupt vorbereiten sollte. Natürlich hatte er auch die Geschichte studiert. Die blutigen Kriege, die von den Königen geführt wurden. Jahrhundertelang hatten die Könige ihr Volk bluten lassen um ihren Hunger nach Macht zu befriedigen. Millionen von Ehemännern und Söhnen hatten auf Kriegsfeldern ihr Leben gelassen, die nicht ihre eigenen gewesen waren. Bis sich die Bürger irgendwann erhoben hatten. Wie eine Welle war die Bewegung durch das Volk gegangen. Ein sinnloser Krieg zu viel, ein paar ermordete Söhne zu viel. Um ihr Leben zu retten und das Volk zu besänftigen war den Fürsten und Königen nichts anderes übrig geblieben als auf die Bedingungen einzugehen: Nie wieder sollte ein Bürger in einem Krieg sterben, der von den Oberen beschlossen wurde. Stattdessen sollten die Könige selbst die Tribute an ihren Machthunger bieten: Ihr eigen Fleisch und Blut sollten an Stelle der gesichtslosen Bürger ihre Kriege ausfechten.
Der Aufstand, der alles geändert hatte, war inzwischen mehrere Jahrhunderte her. Jahrhunderte des Friedens in denen kaum ein Krieg stattgefunden hatte. Kaum ein König war bereit, den Preis für einen Krieg zu bezahlen. Auch wenn die meisten Staatsoberhäupter nie eine Beziehung zu ihren Söhnen aufnahmen. Einige gaben nur die Erst- und Zweitgeborenen in die Trainingslager und hofften darauf, dass die nachfolgenden Kinder niemals in die Nähe eines Arenakampfes gelangen würden. Einige besuchten ihre Kinder im Lager oder ließen sich mittels Fotos oder Videos über deren Befinden auf dem Laufenden halten. Die meisten jedoch kappten rigoros jegliche Bindung zu ihren Nachkommen aus Angst, im Falle eines Angriffs nicht in der Lage zu sein, sie in die Arena zu schicken. Die Kinder der Staatsoberhäupter waren das bestgesichertste Geheimnis im Land. Niemand wusste, wie viele Kinder ein König in Ausbildungslagern trainieren ließ und wie alt sein Erstgeborener war. Es hatte schon Fälle gegeben in denen ein Staatsoberhaupt gezwungen war, seinen Dreijährigen in die Arena zu schicken. Insbesondere seit vor den Kämpfen Gentests den Nachweis erbrachten, dass es sich nicht etwa um einen Stellvertreter handelte, war jeglicher Betrug ausgeschlossen.
Der Griff um sein Messer wurde fester als das Signalhorn ertönte und das Tor zur Arena sich öffnete. Er war bereit, diesen Krieg zu führen, der nicht sein eigener war. Bereit für sein Volk, das er nicht kannte, zu töten oder zu sterben. Mit einem entschlossenen Schritt trat er hinaus in die Sonne.

Kommentare
  1. Momo2002 sagt:

    Muss ich mich dafür schämen dass ich bei der geschichte unwillkürlich daran denken musste wie sich das wohl als Spiel machen würde?

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  2. honeyinheaven sagt:

    sehr gut geschrieben. Gefällt mir🙂

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  3. Insidiosa sagt:

    Gefällt mir gut!🙂 Mehr davon.^^

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  4. Mensch sagt:

    Gefällt mir wirklich super gut, erinnert mich irgendwie an die Tribute von Panem;) Hast du vor, mehr Kurzgeschichten zu veröffentlichen?

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    • Bisher nicht aber wenn mir wiedermal was einfällt… klar🙂 An Panem dachte ich auch kurz, v.a. wegen des Begriffs „Tribute“ und des Arenakampfes. Wobei natürlich die „Grundgeschichte“ etwas anderes aussagen soll… und danke🙂

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  5. anonym sagt:

    sehr gut

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