Wie man ein gutes Opfer ist.

Veröffentlicht: Februar 19, 2013 in Mann-Frau-Kram, Psychozeug, Ratgeber
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1. Täterwahl: Die Auswahl des richtigen Täters ist immens wichtig. Du solltest wert darauf legen, dass der Täter kein anerkanntes Mitglied der Gemeinschaft ist. Der Täter sollte idealerweise ein Einzelgänger ohne Freunde sein, von dem jeder weiß „dass mit dem was nicht stimmt“ und keinesfalls jemand, der in die Gemeinschaft integriert ist, denn „der macht sowas nicht“

2. Ablauf: Auch dem Ablauf kommt Wichtigkeit zu, denn er sollte keinen Raum lassen für „Warum hast du nicht…?“-Fragen von Menschen, die natürlich klüger reagiert hätten. Sei dir aber bewusst, dass darunter auch Hellseher sind, die fragen könnten „Warum hast du nicht schon morgens beim Anziehen Stacheldraht um deine Geschlechtsteile gebunden und um eine bewaffnete Polizeieskorte gebeten, wo du doch wusstest, dass du vor die Tür gehst?“ Jeder normale Mensch ist schließlich stets darauf vorbereitet, angegriffen zu werden und besonders Kinder sollten immun gegenüber Manipulationen sein.

3. Gefühle: Ein gutes Opfer fühlt auf eine gewisse Weise dem Täter gegenüber. Erlaubt sind nur negative Gefühle, denn sobald auch nur ein ansatzweise positives Gefühl oder ein innerer Konflikt besteht „kanns ja nicht so schlimm gewesen sein“. Dass Opfer von Gewalt und Missbrauch den Täter evtl. auch aus anderen Kontexten, z.B. als Vater, Mutter, Freund oder Partner kennen und zu diesem auch Gefühle wie Liebe und Vertrauen fühlen passt nicht zu dem was ein Opfer zu fühlen hat.

4. Verhalten: Ein Opfer hat sich auf gewisse Weise, nämlich Opferhaft zu verhalten. Idealerweise so, wie sich das Gegenüber ein Opfer vorstellt, und das 24/7. Ein Opfer, das im Sommer mit Freunden im Cafe sitzt, über einen Witz lacht oder gar eine Beziehung führt ist ein affront, denn auch dann „kanns ja nicht so schlimm gewesen sein“. Gute Opfer sitzen den ganzen Tag in einer dunklen Ecke. – Zumindest solange sich niemand davon gestört fühlt und findet, dass man „jetzt eigentlich auch mal darüber hinweg sein kann“

5. Rechtfertigung: Ein gutes Opfer ist verpflichtet, jedem Interessierten alle Details offenzulegen und jederzeit Fragen wie z.B. unter Punkt 2 zu beantworten. Es wäre schließlich suspekt, nicht jederzeit alle Fragen oder jede Neugier befriedigen zu können.

6. Traumasymptome: Traumasymptome an sich sind OK – ein Opfer das sich erdreistet nicht traumatisiert zu sein ist schließlich auch suspekt – aber bitte nur im soziel akzeptierten und nicht störenden Ausmaß. OK ist z.B. hin und wieder eine Panikattacke im privaten. Nicht OK ist es, z.B. zu sagen dass man nicht angefasst oder umarmt werden will – sowas ist schließlich beleidigend gegenüber demjenigen, der auf seiner Begrüßungsumarmung besteht und ganz sicher kein böser Mensch ist vor dem man Angst haben müsste.

Kommentare
  1. aruoka sagt:

    Wow.
    Ich danke dir für diesen Text. Sehr gut formuliert – mir gefällt der Sarkasmus / Zynismus in dem Text – und ich denke, nicht nur ich werde mich darin wiederfinden.

    Kleine persönliche Frage: hast du auch außerhalb deines Berufs mit derlei Menschen zu tun?
    Regards,
    Aru

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    • Danke fürs Feedback🙂

      Ja, ich kenne auch persönlich einige Betroffene von denen ich weiß und vermutlich noch einige mehr von denen ich nicht weiß. – warum? Nur Interesse oder denkst du, das beeinflusst? Ich selbst habe schon das Gefühl, es ist ein großer Unterschied ob man beruflich oder privat damit in Kontakt kommt.

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      • aruoka sagt:

        Warum? Schlichtes Interesse. Nenns auch persönlich. Aber ich denke, eine beidseitige Sicht auf das Problem hilft mehr, als wenn man es rein beruflich kennt.

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  2. Reblogged this on Parallelwelten der Mosaiksteinchen und kommentierte:
    Danke an Erzaehlmirnix! Das ist einfach nur gut und ich liebe den Sarkasmus in dem es geschrieben íst. Es beinhaltet soviel Wahrheit. Das musste ich rebloggen!

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  3. jerryfaber sagt:

    Reblogged this on Jerry's Blog und kommentierte:
    Eine Portion Sarkasmus ist, wie das Salz in der Suppe.

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  4. Robin Urban sagt:

    Genialst.

    Aber ich hätte eine Anmerkung zu Punkt 5: Den würde ich teilen. Punkt 5a ist das, was du schreibst. Punkt 5b könnte so aussehen: „Ein gutes Opfer sollte niemals und unter gar keinen Umständen über die Tat reden, da die Fähigkeit dazu ja wieder nur beweist, dass „es ja nicht so schlimm gewesen sein kann“. Außerdem ist das rücksichtslos gegenüber anderen Menschen, die sich von solchen Geschichten in ihrem perfekten Leben gestört fühlen könnten und/oder beweist schlicht Mediengeilheit. Höchstens mit seinem Therapeuten ist Reden erlaubt, aber auch da bitte nur stockend, unter Tränen und oft unterbrochen von Heulkrämpfen.“

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    • Word. Am besten sollte es nur dann über die Tat reden wenn es grade in irgendeine politische Agenda passt oder sonstwie nützlich ist. Ansonsten verschone man die Welt bitteschön vor solch unschönen Dingen.

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  5. fiirvogu sagt:

    Wenn’s nicht so traurig-wahr wäre, dann würde ich herzlichst darüber lachen. Schön auf den Punkt gebracht – danke!

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  6. @EMN: hast du irgendwie an Natascha Kampbusch gedacht (seeeehr schlechtes Opfer)?

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  7. Reblogged this on Überlebenskampf und kommentierte:
    Wahnsinnig gut zusammengefasst, erzaehlmirnix.
    Danke für die Worte, denn besser hätte ich es niemals auf den Punkt bringen können! Der Sarkasmus in dem Text gefällt mir und macht deutlich, dass man es für andere überhaupt nicht richtig machen kann.

    Eigentlich ist es wirklich traurig, denn die Tatsache, dass man etwas dieser Art erlebt hat ist schon schlimm genug. Deartige Reaktionen von außen sind nicht wirklich angebracht, doch leider scheint es schon zur Normalität zu gehören.
    Ich persönlich habe noch nicht viel darüber „gesprochen“, dennoch habe ich schon die ein oder andere unschöne Reaktion bekommen. Es entmutigt und sorgt dafür, dass man weiterhin für sich alleine bleibt, selbst wenn man doch mal jemanden zum reden bräuchte…

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  8. nadineswelt sagt:

    Ich fürchte, genau so sehen das viele Menschen. Super geschrieben!!!!

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  9. Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass sich in dem Artikel die Begriffe „Täter“ und „Opfer“ sehr gut austauschen lassen: Wie man ein guter Täter ist…

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  10. Das ist sehr wahr!

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