erzaehlmirwas… darüber, die Bezugsperson einer depressiv Erkrankten zu sein.

Veröffentlicht: April 3, 2013 in Interview, Psychozeug
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Unter den Interviewpartnern, die sich gemeldet haben war auch Wolfgang, der zwar nicht selbst Betroffener ist aber einen kleinen Einblick geben kann in das Leben als Bezugsperson einer depressiv Erkrankten mit Selbstverletzendem Verhalten. Hier also mal eine andere Sicht der Dinge:

EMN: Die erste Frage ist da natürlich, wessen Bezugsperson du bist (Ehefrau? Freund/Freundin? Elternteil?….?) und ob die Person von dem Interview weiß? Das ist auch insofern wichtig um den Rahmen abzustecken, in dem ich fragen darf(?)

Wolfgang: Hallo Emn, da ich mit der entsprechenden Person erst Rücksprache habe halten wollen, komme ich erst heute zum Beantworten der Mail. Es handelt sich bei der Dame um eine um einige Jahre jüngere Bekannte, mit der ich befreundet bin, jedoch nicht im Sinne einer Beziehung. Sie weiss von dem Interview und ich werde mit ihr eventuell über meine Beantwortung von manchen Fragen sprechen, falls ich mir ob der eigenen Einschätzung nicht ganz sicher sein sollte. Grundsätzlich sind alle Fragen zulässig. Wir halten nichts von Vorsichtigkeiten, zumal wir die Erfahrung gemacht habe, dass alle offenen Gespräche und die dazugehörenden Fragen als legitim gelten, solange die Beteiligten authentisch bleiben. Es sei Dir also freigestellt, Deiner Neugierde freien Lauf zu lassen😉

EMN: Okay, dann mal los^^ Diesmal also von der anderen Seite… wie hast du das erste Mal von der Erkrankung deiner Bekannten erfahren, und wie war deine erste Reaktion?

Wolfgang: Das ist nicht so einfach zu beantworten, weil dabei eigentlich nicht von einer „plötzlichen“ Erfahrung gesprochen werden kann. Ich habe die junge Dame durch einen anderen Bekannten kennengelernt und im Laufe der Zeit nach und nach von der Erkrankung erfahren. Da ich in dieser Richtung ziemlich unbedarft war, wurde die nicht genau definierte Depression von mir als „normale“ Erkrankung einfach zur Kenntnis genommen, ohne mich zuerst damit näher zu beschäftigen. Wir wurden mit der Zeit vertrauter miteinander, weil sie oft das Gespräch mit mir suchte, ohne dass ich zuerst wirklich wusste warum. Wenn es ihr schlecht ging, war ich natürlich als Unerfahrener der Gefahr ausgesetzt, an sie zu appellieren, sich „zusammen zu reissen“. Ich denke aber, dass ich ziemlich schnell begriffen habe, dass solche Appelle auch deshalb unsinnig sind, weil man den erkrankten Menschen damit unterstellt, sie wären noch nie selbst auf diese Idee gekommen.

Ein heftiger Wendepunkt zu einem intensiveren Umgang mit der Krankheit war ihre plötzliche Einlieferung in eine Nervenklinik. Dort besuchte ich sie regelmäßig bzw. hatten wir täglich telefonischen Kontakt. Gleichzeitig setzte ich mich mit der Krankheit auseinander und las im Internet alles, was ich darüber finden konnte (übrigens sehr hilfreich). Zusätzlich bekam ich durch die Einlieferung in die Klinik die Möglichkeit, mich häufiger in dem geschlossenen Bereich über mehrere Stunden aufzuhalten und sowohl den Betrieb und die Patienten zu beobachten. Ich empfand es übrigens als hilfreich, den Mitarbeiterinnen der Station im unbefangenen Umgang mit den Patienten beobachten zu können. Das revidiert dann auch ganz schnell das landläufig vorherrschende eher negative Bild von Nervenkliniken.
In dieser Klinikzeit erfuhr ich dann auch durch eine eher zufällige Begebenheit von ihrem selbstverletzenden Verhalten, welches sie bis dato nicht offenbart hatte. Bei einem der Besuche erzählte ich ihr von den verschiedenen Themen, die ich mir im Internet durchgelesen hatte und erwähnte dabei auch das autoaggressive Verhalten bei Persönlichkeitsstörungen. Daraufhin drehte sie die Arme um und zeigte mir ihre Schnitte. Das war für mich zwar kein Schock, aber eine enorme Überraschung, weil ich damit nicht gerechnet hatte. Im Prinzip habe ich jedoch auf alle Erfahrungen, die ich mit ihr in dieser Zeit gemacht hatte, „normal“ reagiert und auch für manche andere eher ungewöhnliche Verhaltensweisen als Symptome der Erkrankung akzeptiert.
EMN: Du hast also selbst versucht, dich so intensiv wie möglich zu informieren obwohl du vorher eher unbedarft warst, wie du selbst sagst. Hat das mehr-Wissen über die Krankheit etwas in eurer Beziehung geändert?
Wolfgang: Eigentlich nicht, auch wenn natürlich jede Begebenheit zu Veränderungen führt. Ich denke, dass das gegenseitige Vertrauen ohnehin eine allmählich gewachsene Angelegenheit war bzw. ist, in der auch der Punkt, an dem ich zu ihrer Bezugsperson wurde und der wohl schon weit vor dem Klinikaufenthalt lag, nicht eindeutig festgelegt werden kann. Sicher konnte ich durch das Einlesen in die verschiedenen Formen der Persönlichkeitsstörungen viele der krankheitsbedingten Verhaltensweisen besser einordnen. Am Wichtigsten war im Übrigen die Erkenntnis, dass diese Verhaltensweisen nicht oder nur sehr schwer beherrschbar bzw. vermeidbar sind, wenn nicht aktiv dagegen etwas unternommen wird. Damit begann auch vermehrt eine gewisse Zeit des Hinterfragens, obwohl Antworten stets schwierig für sie waren. Dennoch kann ich (und nach Rücksprache auch sie) bei aller Veränderung nicht sagen, dass sich durch den Wissenszuwachs in unserem Verhältnis zueinander konkret etwas geändert hätte.
EMN: Gab es auch mal schwierige Situationen für dich? Fettnäpfchen? Oder Momente in denen du nicht wusstest wie du reagieren sollst?
Wolfgang: Fettnäpfchen gab es tatsächlich keine, aber es gab anfänglich natürlich immer wieder solche Momente, in denen ich nicht wusste wie ich reagieren sollte. In der ersten Zeit empfand ich solche Situationen schon als schwierig, wenn mitten in einem Gespräch plötzlich abruptes Schweigen einsetzte, das dann nicht mehr zu durchbrechen war und ich zuerst nicht wusste, was ich tun sollte. Allerdings habe ich dann ziemlich schnell gelernt, mit ihr auf emotionalem Wege zumindest ansatzweise zu kommunizieren oder auch einfach ihr die Möglichkeit gelassen, sich eine Zeit lang zurück zu ziehen. Ansonsten empfand ich die verschiedenen Situationen nicht als schwierig und habe mich zumeist auf meine Intuition verlassen, was entsprechend dem Vorfall zu tun war. Wobei ich denke, dass die Aufgabe einer Bezugsperson in erster Linie die ist, in kritischen Situation einfach nur „da“ zu sein.
EMN: Du hattest ja bereits gesagt, dass selbstverletzendes Verhalten ein Thema ist. Wie ist das für dich als Bezugsperson, also wie gehst du damit um und wie geht es dir damit?
Wolfgang: Da ich ja damals in der Klinik von dem selbstverletzenden Verhalten erfahren hatte war ich im Prinzip darauf vorbereitet. In der Zeit danach beschränkte sich mein Umgang mit den Vorfällen – wenn ich dazu gerufen wurde – auf die Rückkehr der Dame in einen emotional ausgeglicheneren Zustand und dem Versorgen der Schnitte. Das geschah zuerst mit vorsichtigen, später mit konkreten Gesprächen über das, was sie im Innern erlebte und wie sie sich fühlte. Im Prinzip haben wir gemeinsam versucht zu ergründen, welche Situationen, Gefühle oder Regungen zu den Schnitten geführt haben. Sie beschrieb es als eine Art Taubheitsgefühl, in der sie sich durch die Schnitte wieder selbst spüren konnte. Insofern haben wir versucht, das Spüren auf anderem Weg zurück zu holen.

Bei Deiner Frage, wie es mir persönlich mit solchen Vorfällen gegangen ist musste ich erst einmal stutzen. Darüber habe ich noch nie konkret nachgedacht, und ich würde sagen, dass ein „gar nicht“ wohl die passende Antwort wäre. Um das näher zu erklären: die Vorfälle selbst machten mich nie persönlich betroffen, gleichwohl ist in einer solchen Freundschaft natürlich immer ein gewisses verständiges Mitgefühl (kein Mitleid!) und Sorge ob ihrer persönlichen Schwierigkeiten vorhanden, die sich selbstverständlich auch auf solche Vorfälle erstrecken. Da ich ja um ihr Krankheitsbild wusste habe ich dennoch das selbstverletzende Verhalten als Symptom der Persönlichkeitsstörung schlichtweg zur Kenntnis genommen. Für mich war wichtiger, den Vorgang und seine Ursachen letztendlich mit ihr gemeinsam zumindest ansatzweise zu verstehen und dagegen anzugehen.
Im Prinzip dürfte eine gewisse „verständnisvolle Unbetroffenheit“ auch der einzig richtige Weg für Bezugspersonen sein, denn ich denke, dass depressive Menschen niemanden um sich brauchen, die mit persönlicher Betroffenheit, Erschütterung oder gar mit Entsetzen reagieren.
EMN: Grade die persönliche Betroffenheit macht es ja tatsächlich vielen Freunden/Partnern/Bekannten schwer unterstützend zu reagieren, das stimmt. Mich würde noch interessieren, wie du die Freundschaft erlebst: Ausgewogen oder Helfer-Hilfebedürftige? Oft ist es ja so, dass sich ein gewisses Muster in Kontakte mit in irgendeiner Form Erkrankten einschleicht und natürlich war das Interview nun auch sehr darauf ausgerichtet, genau dieses Muster zu erfragen.
Wolfgang: Inzwischen empfinde ich die Freundschaft als ausgewogen. Am Anfang war das etwas schwierig, da ich im Gegensatz zu ihr ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein besitze und dieses in den Gesprächen auf sie oft übermächtig wirkte. Es hat eine Zeit lang gedauert bis sie sich selbst zugestehen konnte, dass sie mir intellektuell in nichts nachsteht und wir beide auf einer Augenhöhe sind. Allerdings war es auch vorher nie wirklich ein Helfer-Hilfsbedürftigen-Beziehung, da wir uns ja ursprünglich unter anderen Vorzeichen kennen gelernt hatten. Ich verstand und verstehe mich in erster Linie als Freund, der gemeinsam mit ihr einen Weg aus der Depression gesucht hat.

Von bestimmten Mustern konnte eigentlich deshalb nie gesprochen werden, weil wir beide zu den höhersensiblen Menschen gehören und demzufolge neben anderen Vor- und Nachteilen einer solchen Fähigkeit uns im Prinzip gegenseitig nichts vormachen können. Wir nehmen beide ziemlich stark und deutlich Stimmungsschwankungen des Anderen wahr und erkennen im gleichen Zuge die meisten Muster, weil diese eher rituell sind und deshalb nicht mehr authentisch wirken. Solche Musteransätze wurde von beiden dann zumeist auf humorvolle Art und Weise ad absurdum geführt. Zudem haben natürlich auch immer wieder Veränderungen bei ihren persönlichen Lebensverhältnissen – etwa durch eine neue Beziehung – davor geschützt, Muster entstehen zu lassen.
EMN: Also alles in Allem ein Beispiel für einen gemeinsamen guten Umgang mit einer psychischen Erkrankung. Vielen Dank dass du/ihr deine/eure Erfahrungen geteilt habt. Gibt es von deiner Seite aus noch etwas, das wichtig ist oder das ich vergessen habe zu fragen?
Wolfgang: Es gibt die Erfahrungen mit Therapeuten, über die ich gerne noch sprechen möchte. Natürlich war es uns ein Anliegen, dass sie in eine ordentliche Therapie geht. Das hat nicht wirklich geklappt, und das deckt sich mit den vielen Erfahrungen anderer Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Ich habe ja einige der Therapiedialoge quasi frisch von der Dame erzählt bekommen – zumeist gleich mit der Ansage, dass sie die Therapie bereits wieder abgebrochen hat. Die Inhalte der Gespräche haben uns beide leider oft den Kopf schütteln lassen. Am schlimmsten waren die Ansagen mancher TherapeutInnen, sie sei doch gar nicht krank, weil sie so gut darüber reflektieren könne. Das empfanden wir schon mehr als merkwürdig und haben uns zuerst gefragt, ob das vielleicht ein therapeutischer Trick sei, den jede(r) TherapeutIn erst einmal anwendet. Wobei wir auch nach reiflicher Überlegung zu keinem Ergebnis gekommen sind ausser KlientInnen vor den Kopf zu stossen. Im Prinzip entstand bei den meisten TherapeutInnen das Gefühl, deren Aussagen seien oft so unlogisch, dass für meine Bekannte eine weitere Therapiestunde nicht lohnenswert erschien, obwohl sie es trotz des vielfach merkwürdigen Einstiegs häufig mehrere Stunden versuchte. Eine echte gleiche Augenhöhe hat sie jedoch dabei nie empfunden. Allerdings gab es eine positive Ausnahme, bei der die Therapeutin voll und ganz den Anforderungen entsprach. Doch leider war das die Therapeutin der Klinik und stand ausserhalb leider nicht zur Verfügung.

Ich bedanke mich ebenso für das Interesse🙂
Kommentare
  1. cidrin sagt:

    Wieder ein sehr guter Beitrag.
    Zum letzten Abschnitt: Mich würde echt mal interessieren, wie man diese Erfahrungen mit Therapeuten insgesamt verbessern kann.
    Oder müssen wir uns damit zufrieden geben, dass wir hier – wie in vielen anderen Berufsfeldern – mit einer Quote von ca. 5% sehr guter Therapeuten und ca. 80% Ausschuss im Sinne von (bestenfalls) Mittelmäßigkeit rechnen müssen?

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    • Puh, das ist echt eine gute Frage. Was mir oft fehlt ist so ein bisschen die Transparenz und auch dass es normaler wird über Therapien zu reden, bzw. die Therapie in Frage zu stellen. Ich habe das Gefühl, dadurch dass Therapeuten so überlaufen sind geben sich viele gar nicht soo viel Mühe auf „schwierigere“ Patienten (also nicht im Sinne von schwierigen Menschen sondern schwierigen Therapien) einzugehen. Dann lässt man die halt direkt gehen statt zu sehen, wie man besser miteinander arbeiten könnte. Und Patienten sind oft verzweifelt weil sie wissen „Entweder der jetzt oder wieder ein haklbes Jahr warten“. An sich müsste der Markt offener werden, so dass mehr Konkurrenz auch unter Therapeuten aufkommt und sich die guten durchsetzen. Nicht die, die genug Geld haben um sich einen Kassensitz zu kaufen.

      Oder was sagen Sie?

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      • cidrin sagt:

        Eine Lösung habe ich auch nicht. Wenn ich aber an meine Psychotherapie-Ausbildung denke, würde ich auch da 95% als verzichtbar oder gar unsinnig bezeichnen.
        Psychotherapie ist zu einem großen Teil das Führen einer Beziehung unter (selbst)kontrollierten Bedingungen. Was in der Ausbildung vermittelt wird, sind zum größten Teil theoretische Grundlagen und Techniken. Wichtig, das alles zu wissen und zu beherrschen. Aber: Ich fürchte dass das, was einen guten Therapeuten ausmacht, schlecht prüfbar ist.
        Dadurch wirds natürlich nicht einfacher.

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        • Was genau ist denn Ihre Fachrichtung? Ich war bei zwei unterschiedlichen VT-Instituten und war beim zweiten sehr zufrieden. Es hing natürlich stark vom Dozenten ab, aber rückblickend (obwohl damals ein Horror) fand ich grade die Rollenspiele und die Videosupervision sehr hilfreich. Sich selbst auf Video beim Therapieren zu sehen ist schon nochmal interessant. Ich bin da auf manche „Ticks“ von mir gestoßen, z.b. das ganz tödliche „Stille nicht zulassen“^^
          Im ersten Institut gab es das gar nicht und grade die Gruppensupervision war oft mehr selbstdarstellung wie toll man doch ist.

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  2. micbe24 sagt:

    Wie jetzt: nur weil ich über meine Depression / Krankheit reflektieren kann, bin ich nach Aussage mancher Therapeuten gar nicht wirklich krank!? Also ehrlich, bei so viel Ignoranz muss ich erst einmal schlucken. Ich habe seinerzeit, als ich stationär in einer Klinik für psychosomatische Störungen war, einiges an verschiedenen Krankheitsbildern bei Mitpatienten kennengelernt – sei es das selbstverletzende Verhalten, Angststörungen, Essstörungen, die „klassische“ Depression. Und die meisten von denen waren absolut in der Lage, genau über ihre Situation und manchmal sogar über die dahinter liegenden Gründe zu reflektieren. Ich behaupte, dass das bei den meisten Menschen, die sich in eine freiwillige Therapie begeben, der Fall ist (bei „Zwangseinweisungen“ mag es anders sein).

    Ich befürchte auch, dass es etwas damit zu tun hat, dass Therapeuten auf den einzelnen Patienten nicht angewiesen sind. Bei meiner Suche nach einem niedergelassenen Therapeuten habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass manche Mitglieder dieser Berufsgattung erstaunlich desinteressiert an den Menschen hinter der Krankenakte sind. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass gerade DIE am besten wissen müssten, was sie manchen Betroffenen durch ihre Art antun können.

    So, das musste raus, jetzt geht es mir wieder ein wenig besser😉.

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  3. […] mit Wolfgang als Bezugsperson zu einer Erkrankten […]

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