erzaehlmirwas… über Depressionen, PTBS und Borderline

Veröffentlicht: April 25, 2013 in Interview, Psychozeug
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So liebe Leser, heute gibt es mal wieder ein Interview. Ich gebe zu, ich habe es etwas herausgezögert, weil… äh… wie peinlich: Ich habe bei meiner Mailadresse vergessen die Löschroutine des Posteingangs umzustellen und pünktlich nach einem Monat waren alle Mails der potentiellen Interviewpartner weg. Bis auf Fleder, die heutige Interviewte, die sich etwas später gemeldet hatte. Ja, ich bin ein Pfosten *hüstel*. Das ist natürlich nun die Gelegenheit für diejenigen, die nach den ersten paar Interviews dachten „Oh mein Gott, also für solche doofen Fragen habe ich mich nicht gemeldet.“ ihre Teilnahmne stillschweigend unter den Tisch fallen zu lassen😉 Alle anderen, die gerne noch mitmachen würden, würde ich bitten nochmal an erzaehlmiralles@web.de eine Mail mit ihren Grunddaten (Geschlecht, Alter, Diagnosen, sonstiges erwähnenswertes) zu schicken – die Vorhaltezeit ist jetzt auf unendlich gestellt, es geht also nichts mehr verloren. Entschuldigt meine Dämlichkeit🙂

So, kommen wir zu Fleder, weiblich und 25 Jahre Alt. In vorherigen Interviews habe ich schon die Diagnosekriterien für Borderline und Depressionen angegeben, daher hier nur noch die für PTBS (Quelle: http://www.icd-code.de/icd/code/F43.1.html)

F43.1
Posttraumatische Belastungsstörung
Info.:
Diese entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf
ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder
längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder
katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe
Verzweiflung hervorrufen würde. Prädisponierende Faktoren wie
bestimmte, z.B. zwanghafte oder asthenische Persönlichkeitszüge
oder neurotische Krankheiten in der Vorgeschichte können die
Schwelle für die Entwicklung dieses Syndroms senken und seinen
Verlauf erschweren, aber die letztgenannten Faktoren sind weder
notwendig noch ausreichend, um das Auftreten der Störung zu
erklären. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des
Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen,
Flashbacks), Träumen oder Alpträumen, die vor dem Hintergrund
eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler
Stumpfheit auftreten. Ferner finden sich Gleichgültigkeit
gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit der Umgebung
gegenüber, Freudlosigkeit sowie Vermeidung von Aktivitäten und
Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten.
Meist tritt ein Zustand von vegetativer Übererregtheit mit
Vigilanzsteigerung, einer übermäßigen Schreckhaftigkeit und
Schlafstörung auf. Angst und Depression sind häufig mit den
genannten Symptomen und Merkmalen assoziiert und Suizidgedanken
sind nicht selten. Der Beginn folgt dem Trauma mit einer Latenz,
die wenige Wochen bis Monate dauern kann. Der Verlauf ist
wechselhaft, in der Mehrzahl der Fälle kann jedoch eine Heilung
erwartet werden. In wenigen Fällen nimmt die Störung über viele
Jahre einen chronischen Verlauf und geht dann in eine andauernde
Persönlichkeitsänderung (F62.0) über.

EMN: Wie immer würde mich am Anfang interessieren, wann und wie du selbst zum ersten Mal von den Diagnosen „Depression, PTBS, Borderline“ erfahren hast und wie du das damals erlebt hast?

Fleder: Wann ich konkret das erste Mal davon hörte kann ich nicht sagen. An viele Teile meiner Kindheit fehlt mir die Erinnerung, aber ich schätze durch verschiedene Medien oder Dialoge von Erwachsenen habe ich das ein oder andere mitbekommen. Ich kam bereits recht früh in therapeutische Behandlung (bewusst mit 14 Jahren nach einer traumatischen Begebenheit, unbewusst schon wesentlich früher wegen Bettnässens). Depressionen, bzw. depressive Etappen habe ich, seit ich denken kann (oder besser gesagt, soweit meine Erinnerung reicht), daher gab oder gibt es keinen konkreten Zeitpunkt, an dem mir klar wurde, dass ich das habe oder an dem mir die Diagnose offebart wurde. Ich hatte es einfach schon immer, wie mein Geschlecht oder meine Augenfarbe.
Von Borderline habe ich erst recht spät gehört (den Begriff kannte ich natürlich, wusste aber kaum etwas darüber). Die Diagnose bekam ich erst während eines Klinikaufenthaltes mit ca 19 Jahren. Das empfand ich damals als riesen große Erleichterung. Ich wusste schon immer, dass ich anders war als die Meisten. Aber das war bis dato immer meine Schuld gewesen, ich war halt irgendwie komisch. Mit der Diagnose bekam ich quasie die Absolution, dass ich eben nichts dafür konnte, dass ich mich nicht nur anstellte, sondern tatsächlich so war. Ich war plötzlich kein bösartiger Mensch mehr, sondern schlicht ein kranker. Von PTBS wiederum erfuhr ich ca mit 21, ebenfalls im Zuge einer stationären Therapie. Bis dahin hatte ich nichts davon gewusst und ging daher recht unvorbelastet an das Thema heran. Anderer Seits war es dadurch kaum greifbar für mich & ich brauchte eine gewisse Zeit, um die Zusammenhänge zu mir selbst zu erkennen.

EMN: Kannst du dich noch an die Situation erinnern, in der dir die Diagnosen PTBS und Borderline gestellt wurden? Also wie es konkret ablief, wie es erklärt wurde und welche Fragen oder Gedanken du hattest?

Fleder: Leider nein. Die Borderline-Diagnose bekam ich während eines Aufenthalts auf einer Akut-Station. Zu der Zeit ging es mir sehr schlecht und ich erinnere mich nur noch bruchstückhaft. Ich glaube die Diagnose selbst wurde erst mal wertungsfrei gestellt. Allerdings hatten sie verschiedene Belletristik dort. Das erste Buch (ich erinnere mich weder an Titel noch Autor, nur dass es schon älteren Jahrgangs & in den USA geschrieben wurde), dass ich dort las handelte von einer Borderlinerin. Diese wurde äußerst unsympatisch dargestellt. Höchst egoistisch, manipulativ, gefühlskalt, berechnend. Das hat mich damals sehr beeinflusst & geängstigt. Ich habe das auch während der stationären Gesprächstherapie thematisiert. Meine Psychologin entkräftete das teilweise & lies mich wissen, dass unter der Diagnose Borderline in Deutschland etwas anderes verstanden wird, als in den USA oder generell dem englischsprachigen Raum. Allerdings machte mir das damals trotzdem große Angst, dass ich nun doch wieder als ‚böser Mensch‘ gelten sollte.
Im Anschluß daran kam ich auf eine Borderline-Station, wo das Ganze schon klarer wurde. Negativ behaftet blieb es trotzdem. Was sich mir damals sehr eingeprägt hat war eine Begebenheit: Jeder Neuzugang bekam ein sogenanntes SKID-Interview (leider weiß ich nicht, wofür diese Abkürzung steht *Anmerkung: Die Abkürzung steht für Strukturiertes Klinisches Interview für DSM IV. Es gibt SKID I und SKID II. SKID I fragt grob die Kriterien für alle möglichen psychischen Erkrankungen ab. Übliche Dauer ist dabei etwa eine Dreiviertelstunde bis Stunde. Der SKID II bezieht sich auf Persönlichkeitsstörungen wie Borderline und dauert normal etwa 30 Minuten. Anhand der Beschreibung handelt es sich vermutlich um den SKID II) um das Borderline noch klarer zu umreißen. Zufällig waren wir 3 Neuzugänge. Für die anderen beiden wurde jeweils eine 1/4 Stunde Zeit angesetzt. Bei mir eine 3/4 Stunde. Auf Nachfrage, wurde mir beschieden, dass sich bereits vorab abgezeichnet hatte, dass mein Borderline wohl ausgeprägter als das der anderen Beiden sei. Leider habe ich an diese Therapie viele negative Erinnerungen, was dazu führte, dass ich wieder Vieles verdrängt habe. Das trug nicht dazu bei, dass ich mich damals offener mit der Diagnose auseinander setzen konnte.

An die PTBS-Diagnose erinnere ich mich ebenfalls kaum. Ich hatte kurz zuvor einen Suizidversuch & kam nur dank dieses Therapieplatzes nicht länger auf eine geschlossene Station. Ich war also gedanklich und emotional noch sehr aufgewühlt. Allerdings lerne ich in der Therapie Vieles. Das wurde auch durch eigene Aufschriebe gefördert. Ohne diese hätte ich Vieles vergessen & Vieles wäre mir heute noch nicht klar. Damals klang das zwar alles sehr interessant und spannend, aber wie gesagt fehlte mir einfach der Bezug zu mir. Ständig wurde von irgend welchen inneren Kindern geredet und von Flashbacks (sowas kannte ich namentlich nur aus dem Fernsehen in Zusammenhang mit Drogen). Erst mit der Zeit und durch verschiedene Literatur (u.a. von Betroffenen) verstand ich, in wie weit mich das betrifft & wo nun der Zusammenhnag zu mir lag & liegt. Leider lief auch in dieser Therapie einiges schief, wodurch meine Erinnerung gewohnt schwammig ist.

EMN:  Das klingt interessant: viele gelernt und einiges schiefgelaufen…. was ist denn schief gelaufen und was war für dich das Fazit aus der Therapie?

Fleder: Während des Klinikaufenthaltes bezüglich der PTBS geriet ich relativ bald mit einer Mitpatientin aneinander. Ich hatte damals Plüschhausschuhe mit Augen die beim Laufen klackerten & ich durch die dünne Sohle schlurfte. Das hatte die Mitpatientin gestört & sie wies mich darauf hin. Soweit war das auch ok, allerdings vergaß ich oft das zu berücksichtigen. Irgendwann ging sie dann dazu über mich in einer gewissen Art zu ermahnen. Diese Art hat mich schrecklich getriggert, womit ich überhaupt nicht klar kam. Ich habe äußerst gereizt reagiert, was wiederum zu Streitigkeiten führte.
Zum anderen waren wir zwei paralell laufende Gesprächsgruppen. In meiner Gruppe fühlte ich mich soweit gut aufgehoben. Außerhalb der Gruppen wurde nichts weiter besprochen um die Patienten zu schützen. Irgendwann kam aber doch raus, dass die Therapeutin der anderen Gruppe sich wohl abfällig über Patienten meiner Gruppe geäußert hatte. Mitunter über mich. Ich habe nie erfahren, was sie überhaupt gesagt hat & auch erst im Nachhinein erfahren, dass sie die Station verlassen musste. Mich hat das damals wie heute schockiert. Immer wieder zweifle ich sogar an meinen Erinnerungen & frage mich, ob ich mir das alles nicht einbilde. Ich kann garnicht glauben, das ein Therapeut seine Pflichten so sehr verletzt… In der darauf folgenden Gruppe thematisierten wir das & meine Therapeutin versuchte mir den Rücken zu stärken in dem sie mir rückmeldete, dass es legitim sei, wenn ich mich nun erst mal zurück nehmen würde, da mein Vertrauen ja klar missbraucht worden war. Das hat mich damals schrecklich wütend gemacht, weil es nicht das war, was ich wollte. Ich wollte mich aktiv einbringen um besser mit meinen Belangen umgehne zu lernen. Ich wollte nicht schweigen „müssen“. Mein Fazit aus dieser Therapie ist, dass eine Therapie durchaus hilfreich sein kann & man die Möglichkeit hat viel zu lernen und an sich zu arbeiten. Allerdings ist man auch in einer Therapie nicht sicher. Ich werde erst dann wieder in eine stationäre Therapie gehen, wenn ich weiß, dass ich genug Kraft habe um auch Rückschläge einstecken zu können, bis dahin helfe ich mir lieber selbst. Und man sollte vermeiden während des Sommers in Therapie zu gehen, weil selten eine vernünftige Vertretung eingerichtet werden kann.

EMN: Das mit dem Sommer ist interessant… stimmt. Waren alle therapeutischen Erfahrungen so „durchwachsen“ wie diese?

Fleder: Meine Klinikaufenthalte auf jeden Fall. Durch häufige Umzüge war es mir in den letzten Jahren leider nicht möglich eine längere Gesprächstherapie bei einem niedergelassenen Psychologen zu beginnen. Was mir aber nach wie vor Hoffnung gibt ist, das meine erste Therapieerfahrung sehr positiv war. Als ich mit 14 zu meiner damaligen Therapeutin kam hat mir das sehr geholfen. Sie hat mich auch ca 2-3 Jahre begleitet, bis ich umziehen musste. Ich glaube ohne sie hätte ich die Zeit kaum durchstehen können. Danach ging immer irgend etwas schief, was teilweise sicher auch daran lag, das ich Anfangs viel zu leicht das Handtuch geworfen habe.

EMN: Weißt du noch was du an deiner ersten Therapie hilfreich fandest? Und hast du noch ein paar Beispiele von Gründen, die bei dir dazu geführt haben, das Handtucht zu werfen?

Fleder: Für mich war es ungemein hilfreich einfach über meinen Alltag reden zu können. Das eigentliche Trauma (ein sexueller Missbrauch) haben wir niemals angeschnitten. Dafür konnte ich über alles andere reden, mein invalidierendes Umfeld, Probleme in der Familie, alles was mich schon viel länger belastet hat. Das Schöne daran war, dass nichts bewertet wurde. Vor allem konnte ich erzählen ohne gleich selber Schuld zugewiesen zu bekommen. Meine Therapeutin kam auch nie mit der ‚Moralkäule‘ ala ‚Aber es ist doch schlecht wenn du dich selbst verletzt, das darfst du nicht!‘.

Wenn ich darüber nachdenke fällt mir nur ein Beispiel ein, bei dem ich das Handtuch geworfen habe. Ich war ca 18 & im 1. Lehrjahr, allein in einer fremden Stadt in der ich kaum soziale Kontakte hatte. Dort wollte ich meine Gesprächs-Therapie fortsetzen, weil mir damals schon klar war, dass ich sehr viele Altlasten mit mir herumschleppe, zumal mein Arbeitsklima damals auch sehr schlimm war. An sich habe ich mich recht gut bei meiner Therapeutin gefühlt, zumindets so lange bis sie die Termine immer weiter auseinander gezogen hat & schließlich sagte, dass sie nicht glaubt, das ich noch eine Therapie bräuchte. Damals habe ich mich einfach nur abgewiesen gefühlt. Sie hatte mir zwar angeboten, dass wir nicht gleich abbrechen, aber ich habe damals nur gehört: ‚Ich will dich nicht mehr.‘ Also habe ich mich nicht mehr bei ihr gemeldet.

EMN: Also ein Handtuchwerfen als Reaktion auf ein zu frühes Arbeiten in Richtung Therapieende.
Danke für die Erlaubnis zum offenen fragen (*Anmerkung bezieht sich auf ein kleines unterschlagenes „Privatgespräch“ nebenher ;)), denn grade auch zum Thema Suizidversuch würden mich Reaktionen deiner Umwelt sehr interessieren. Einerseits die des privaten Umfeldes aber auch die der Ärzte/Therapeuten.

Fleder: Mein erster Suizidversuch war an meinem 15. Geburtstag, wobei ich nicht vor hatte, mich umzubringen. Ich wollte einfach nicht mehr fühlen. Meine Mutter hat unsere Hausärztin gerufen, an deren Untersuchung erinnere ich mich schon nicht mehr wirklich. Ich glaube sie war aufgebracht, allerdings erinnere ich mich nur bruchstückhaft an die Zeit. Die Tage danach habe ich entweder geheult oder nach Essbarem gesucht. Damals wurde ich zusätzlich von 2 Familientherapeutinen des Jugendamtes betreut. Ich glaube sie waren betrübt, aber professionell distanzeirt. Da meine Mutter arbeiten mussten haben entweder sie oder meine Oma auf mich aufgepasst. Nach ein paar Tagen kam ich in die Jugendpsychatrie in Tübingen. Dort habe ich mich schrecklich gelangweilt. Ich durfte keinen Kontakt zu Mitpatienten haben & blieb mir selbst überlassen. Wenn ich darum bat bekam ich zwar Malzeug, aber das interessierte mich damals nicht. Ich war auch noch nicht wieder ganz klar. Zufällig hatte ich zwei Visitenkarten von Leuten aus meiner Clique. (Heute würde ich sie als Saufkumpanen bezeichnen, also niemand mit dem ich in engem Kontakt stand.) Aus langeweile schrieb ich ihnen. Wer die erste Person war weiß ich nicht mehr. Die Zweite war mein damaliger Schwarm Marco. Er war etwas älter und hatte schon seine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen. Er schien davon ernsthaft betroffen. Im Großen und Ganzen änderte sich dadurch aber nichts. Mein Klassenlehrer schien ebenfalls betroffen, hakte aber nicht nach. Meine Klassenkameraden hatten nur erfahren das ich krank war. So verschwand es größtenteils in der Versenkung.

Einen weiteren Suizidversuch hatte ich mit ca 19. Wie bereits erwähnt hatte ich damals eine sehr schwere Zeit. Der Suizidversuch missglückte allerdings, somit erfuhr bis Heute niemand davon. Ein paar Monate darauf, nach einem einwöchigen, schrecklichen Auslandsurlaub war ich am Ende. Ich hatte enormen Schneidedruck. Umbringen wollte ich mich zwar nicht bewusst, aber ich hätte es gerne getan & wäre wohl auch dazu in der Lage gewesen. Mein damaliger Freund war zu Hause (wir wohnten zusammen im Haus seiner Familie). Ich glaube ich war gerade wieder am Toben als ich mir einen Cutter schnappte. (Wir arbeiteten Beide nebenher in einer Firma, die uns die Dinger nachwarf, wodurch wir mehrere herumliegen hatten). Er war geistesgegenwärtig genug und hielt sofort meine Hand festgehalten. Er war deutlich stärker als ich, wodurch er es mir wegnehmen konnte. Währenddessen heulten wir Beide und schrien uns gegenseitig an. Als ich vorerst kapitulierte und aufs Bett sank suchte er schnell alles Scharfe zusammen und verschwand nach unten. Kurz darauf kam sein Vater nach oben, der versuchte ganz ruhig mit mir zu reden und mich zur Vernunft zu bringen. Er war sehr gefasst, schockiert wohl weniger, da auch er registriert hatte, wie es mir ging. Kurz darauf kam ich auf die stationäre Akutstation, in der meine Diagnosen gestellt wurden. Viel Kontakt zu meinem Umfeld hatte ich nicht, wodurch ich nicht sagen kann, wer davon etwas mitbekam. Die Ärzte waren daran gewöhnt, wodurch mir nichts prägnantes im Gedächtnis blieb.

Mit ca 21 Jahren hatte ich meinen letzten Suizidversuch. Ich lebte damals wieder in meinem Elternhaus. Es war Nachts, meine Mutter war auf Arbeit. Aus heutiger Sicht glaube ich nicht, dass ich mich wirklich umbringen wollte auch wenn ich es vor hatte, da ich ihr eine Abschieds-SMS schickte, was sie natürlich alarmierte. Als sie Heim kam war ich schon fast im Delirium. Sie war sehr besorgt & schockiert, aber ich glaube nicht verwundert. An die Woche Intensiv-Station & die Ärzte erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Wenn ich Besuch bekam weiß ich es nicht mehr. Ich hatte mich an dem Abend von meinem Freund getrennt, was in dem Suizid mündete. Als ich wieder zu Hause war besuchte er mich & las den Abschiedsbrief, den ich damals verfasst hatte. Er war ebenfalls schockiert & schrecklich betroffen. Ansonsten hatte ich damals fast ausschließlich soziale Kontakte über das Internet, sodass kaum jemand davon erfuhr. Meine Betreuerin als auch meine Therapeutin waren beide betroffen, aber auch professionell distanziert & vermutlich hat es auch sie nicht sonderlich verwundert.

EMN: Wenn ich richtig rechne ist das jetzt 4 Jahre her(?) – Ist es zur Zeit noch Thema bei dir und deinem Umfeld? Also dass sich Leute um dich sorgen, dich anders behandeln oder es andersweitig Thema ist?

Fleder: Glücklicher Weise nicht. Ich bin gerade an einem recht stabilen Punkt in meinem Leben angelangt, worüber ich sehr froh bin. Ich habe mich & meine Beeinträchtigungen recht gut im Griff, meistens zumindest. Sehr selten ist Selbstverletzendes Verhalten noch ein Thema, Suizid aber nicht. Ich erlebe mein Leben gerade sogar als verblüffend lebenswert. Das liegt mitunter auch daran, das ich mir mittlerweile ein Umfeld aufgebaut habe, das mich so nimmt wie ich bin. Meine Freunde kennen mich und meine Stimmungen (& Schwankungen) und können ganz gut damit umgehen. Natürlich bereite ich ihnen immer wieder Sorgen, wenn es mir schlecht geht. Aber wohl eher so, wie sich jeder gute Freund um den Anderen sorgt. Sie wissen, dass ich mir Hilfe hole, wenn ich sie brauche. Auch mit meiner Familie wird es immer besser. Ab und an behandelt mich meine Mutter schon noch wie ein rohes Ei, aber ich glaube sie versteht langsam, dass ich garnicht will, das sie jedes Wort von sich auf die Goldwaage legt & das nicht jedes falsche Wort ihrer seits mich zurück in eine Depression stürzen kann. Das erleichtert mich sehr. Ich glaube viele meiner Freunde setzen sich auch garnicht so bewusst damit auseinander, wie sie mich behandeln. Entweder es ist (für beide) ok wie sich der Kontakt entwickelt, oder wir wären keine Freunde. Auf neue Leute gehe ich meist recht offen zu. Ich binde ihnen zwar nicht gerade beim ersten Treffen meine Krankengeschichte auf die Nase, aber ich mache keinen Hehl daraus. Dadurch merke ich recht schnell, in wie weit die Person mit mir klar kommt (oder käme) und ich damit mit ihr. Manche sind sehr interessiert & fragen dann nach, auch wie sie in bestimmten Situationen mit mir umgehen sollten. Aber zumeist warne ich sie von alleine vor, worauf sie sich eventuell gefasst machen müssten. Dadurch empfinde ich meine Kontakte als sehr wohltuend, wenn jeder weiß woran er ist.

EMN: Das klingt echt gut. Schön dass du diesen Punkt für dich erreicht hast, ich hoffe, das setzt sich so fort! Danke erstmal für deine offenen Antworten und dass ich frei fragen konnte. Gibts noch irgendwas, was ich vergessen habe zu fragen oder was du noch wichtig findest?

Fleder: Ich danke dir für deine guten Wünsche & dein Interesse. Mir fällt nichts ein, dass nun ‚fehlen‘ würde. Ich wünsche dir für deine eigene Praxis viel Erfolg & für deinen Blog viele intelligente Leser. =)

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