Kurzgeschichte: Einkauf.

Veröffentlicht: August 9, 2013 in Uncategorized
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Gnau schlenderte verträumt durch die Reihen als ihn die Stimme des Verkäufers abrupt wieder in die laute und stark riechende Gegenwart zurückholte: „Haben Sie Interesse? Möchten Sie, dass ich Ihnen eins heraushole?“

Gnau zögerte. „Sagen Sie, werden die hier artgerecht gehalten? Mir kommen die Käfige ziemlich klein vor.“

„Nein nein,“ beeilte sich der Verkäufer zu versichern: „Die sind alle nach den neusten Bestimmungen. Und da ist alles drin was sie brauchen. Sehen Sie? Da haben sie ihr Wasser, ihr Futter, ihr Spielzeug… alles ganz artgerecht.“

„Kann ich mal eins anfassen?“

Der Verkäufer atmete erleichtert auf. „Sicher können Sie das. Ich kann Ihnen eins aus dem Käfig nehmen. Was hätten Sie gerne? Eins von den hellen oder lieber ein dunkleres?“

„Ist egal. Ich finde das da hinten süß. Ist es ein Weibchen oder ein Männchen?“

Der Verkäufer öffnete den Käfig und griff das panisch zappelnde Wesen unsanft in der Körpermitte um es aus dem Käfig herauszuheben: „Bei den kleinen kann man das noch nicht so gut aus der Ferne feststellen. Aber das hier ist ein Männchen. Sehen Sie?“ sagte er, während er den Stofffetzen von dem kleinen Wesen entfernte, das sich heftig gegen die Behandlung wehrte.

„Tut ihm das weh?“ fragte Gnau besorgt.

„Nein, gar nicht.“ beruhigte der Verkäufer. „Die sind nur etwas schüchtern, sehen Sie? Jetzt schnappt es sich sofort wieder den Stofffetzen. Das ist so eine Eigenart von denen, die mögen es nicht wenn man ihr Geschlecht sieht. Wollen Sie es jetzt mal halten?“

Gnau nickte und der Verkäufer legte ihm das aufgeregte Wesen in die vier ausgestreckten Greifwerkzeuge. „Ih, es ist ganz weich!“

„Ja, man muss sie ganz vorsichtig halten, man kann sie leicht verletzen. Es gab schon einige Unfälle mit Kindern, die zu fest zugepackt haben.“

„Hier, nehmen Sie es wieder, ich glaube es hat mich angepinkelt.“ Gnau streckte dem Verkäufer eilig das verängstigte Wesen wieder entgegen.

„Keine Sorge, das kann man ihnen abgewöhnen. Das hier ist noch ein ganz junges, das ist noch nicht trocken. Mit den älteren passiert das nicht mehr.“ Der Verkäufer war sichtlich verärgert über die misslungene Vorführung. „Möchten Sie etwas aus meinen Speicheldrüsen um sich zu säubern?“ bot er beflissen an.

„Nein, schon gut, ist OK.“ verneinte Gnau.

„Wie hält man sie denn am besten?“

Der Verkäufer klackerte begeistert mit seinen Kauwerkzeugen. „Das ist gar nicht so schwer. Eigentlich benötigen sie nur regelmäßig Futter, Wasser und einen warmen Rückzugsort. Wissen Sie, wir dachten die Menschen seien komplett ausgestorben, aber wir haben erst vor kurzem einen ganzen Planeten mit ihnen entdeckt. Offenbar hat da mal jemand ein Pärchen vergessen und die Dinger haben sich wie wild vermehrt. Die sind quasi unausrottbar, also keine Sorge, viel können Sie da nicht falsch machen. Und wenn Sie ein Pärchen nehmen haben Sie ruck zuck einen ganzen Haufen davon, falls sie eine ganze Kolonie haben wollen.“

Gnau blickte skeptisch auf die wuselnde Masse: „Kann man die auch einzeln halten? Ich habe gehört, dass man sie auch dressieren kann.“

„Nun ja, wir verkaufen sie lieber in Gruppen, einzeln scheinen sie nicht so glücklich zu sein. Ausserdem ist es viel interessanter wenn man mehrere davon hat. Sehen Sie? Da streiten sich grade zwei um ihr Futter, das ist ganz putzig. Manchmal bauen sie sogar Werkzeuge um sich gegenseitig zu bekämpfen. Ich könnte stundenlang am Käfig stehen, das wird einfach nie langweilig.“

„Es heißt, man könne ihnen sogar das Sprechen beibringen. Stimmt das?“

Der Verkäufer schien hin und her gerissen zwischen der Wahrheit und seiner Verkaufsstrategie: „Nun, es gibt einige, die ein paar Worte lernen. Aber das dauert Jahre. Ich weiß, da gibt es immer wieder einige die erzählen dass ihr Mensch wirklich sprechen kann und dass sie sogar ganz intelligent sind. Aber das sind Ausnahmen und klappt auch nur wenn man Glück hat und ein gutes Exemplar erwischt, mit dem man sich gann intensiv beschäftigt. Die meisten sind nicht für sowas zu gebrauchen. Da müssen Sie schon realistisch sein, ich will ja nicht dass sie sich hinterher beschweren.“

Gnau zögerte noch. „Wie viele muss ich denn nehmen? Ich will auch nicht dass sie zu laut sind. Und was ist mit dem Geruch? Ich will nicht dass das ganze Netz stinkt.“

„Keine Sorge, das riecht hier nur etwas streng weil es so viele aufeinander sind. Eigentlich sind das ganz reinliche Wesen, wenn Sie ihnen genug Waschmöglichkeiten geben. Wie wäre es wenn Sie eine gemischte Gruppe nehmen? Zur Zeit haben wir eine Aktion, da kriegen sie von jeder Farbe ein Männchen und ein Weibchen. Das ist auch am interessantesten zu beobachten.“

Gnau überlegte kurz, dann nickte er. „Na gut, packen sie mir welche ein. Die Kinder nerven mich schon so lange das sie Menschen wollen, es ist jetzt auch mal an der Zeit, dass sie Verantwortung lernen. Aber ich habe ihnen gesagt, dass wenn sie sich nich gut um ihre Menschen kümmern, sie geschlachtet werden. Das sind doch essbare Menschen, oder?“

„Aber natürlich, sicher. Das sind dieselben die Sie auch zum Essen kaufen können, nur etwas weniger fett. Zum Essen züchtet man meistens die weißen, aber im Prinzip kann man die alle essen. Möchten Sie vielleiht noch ein paar so mitnehmen? Zum Essen? Schauen sie mal, ich gebe Ihnen den kleinen von eben noch so mit. Möchten Sie eine Tüte?

„Ja gerne“, bestätigte Gnau. „Aber geben Sie mir den kleinen extra, ich will nicht dass die Kinder ihn sehen. Die sind grade in so einer Phase und ich will nicht dass sie zu so verrückten Vegetariern werden weil sie zu früh sehen wie man Menschen schlachtet.“

„Da haben sie recht, das ist schon eine verrückte Bewegung, die sich für diese Menschenrechte einsetzt“ kicherte der Verkäufer als er ihm die Tüte in die Hand drückte. „Viel spaß mit ihren Menschen und einen guten Appettit!“

Kommentare
  1. cidrin sagt:

    Hmm … Wollen Sie darüber sprechen, EMN?🙂

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  2. anonym sagt:

    makaber aber gut geschrieben

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  3. gnaddrig sagt:

    Übers Menschenfressen haben Flanders & Swann vor einer halben Ewigkeit auch was Lustiges geschrieben: The Reluctant Cannibal (Kann man sich auch auf Youtube anhören).

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  4. praktikon sagt:

    Naja.. stimmt halt doch irgendwie^^

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  5. honeyinheaven sagt:

    Sehr gut geschrieben🙂

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  6. The Laughing Man sagt:

    Erinnert mich an den Manga Gantz gegen Ende.

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  7. Gnau sagt:

    Bin gerade vom Einkauf nach Hause zurück gekommen. Die Tüte mit den Menschen habe ich im Keller versteckt. Die Kinder will ich damit später überraschen.

    Zeit fürs Abendessen – Familienlasagne mit Hack steht auf dem Plan.
    Dazu wollte ich den Kleinen, den mir der Verkäufer noch netterweise extra mitgegeben hatte zubereiten. Ich stehe also in der Küche und will meine Greifer dem Menschlein an den Hals setzen, da kommen mir gerade meine Kinder zur Tür herein. Vor Schreck bin ich dabei mit meinen Greiferklingen ausgerutscht und habe dem Menschlein statt der Kehle durch, ihm ein Auge ausgestochen. Es war ein Versehen, das müssen Sie mir glauben. Unnötiges Blutvergießen ist nicht mein Ding. Aber man muss ja schließlich was essen.
    Als mein Jüngster aber sieht, wie sich das Menschlein vor Schmerzen windet, da baut er sich doch vor mir auf und fordert ich solle sofort einen Menschenarzt rufen, die Wunde müsse behandelt werden. Dabei konnte ich sehen, wie er sich hat seine Kauwerkzeuge abstumpfen lassen und damit nicht genug, er trug ein Stück Stoff am Leibe mit so einer Aufschrift drauf. Ich glaube da stand „Greifer zu Pflugscharen“, oder so was.
    Gerade so wie es diese Bewegung tut, diese Sektierer, diese Vegetarier!!!
    Menschenrechtler glaube ich nennen die sich neuerdings!

    Herrje – ich will mein Kind nicht an diese Träumer verlieren!
    Wie beschütze ich es nur vor weiteren schädigenden Einfluss?

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  8. Jenny sagt:

    Bin grad zufällig auf den Blogpost gestoßen und dazu fällt mir ein tolles Buch ein: Under The Skin von Michel Faber. Auf Deutsch haben sie es fürchterlicherweise mit „Die Weltenwandlerin“ übersetzt… Und wie ich sehe wurde es grade mit Scarlett Johansson verfilmt. Na dann.

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