Erzaehlmirwas….. über eine überwundene Depression.

Veröffentlicht: August 16, 2013 in Interview, Psychozeug
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Dieses Interview mit Umbra, 24, hätte auch „erzaehlmirwas übers Prokrastinieren“ heißen können, da wir beide aufgrund der hohen Temperaturen, Elternbesuchen, sonstigem Kram und schlichtem Vergessen seit dem 11.07. daran sitzen. Aber was lange währt…. Falls die Fragen diesmal teilweise etwas abgehackter wirken liegt dies an den größeren Zeitlücken und den „Privatunterhaltungen“ dazwischen, die ich hier natürlich rausgestrichen habe. Ich finde das Interview dennoch toll da es diesmal hauptsächlich um eine überwundene Erkrankung geht und auch der positive Verlauf einer Therapie Thema ist. Daher nochmal vielen Dank an Umbra für die Geduld, die ausführlichen Antworten und das Schlusswort, das ich so stehenlasse.

EMN: In deiner ersten Mail schreibst du, du hast grade eine ambulante Therapie beendet und es sei derzeit nicht akut. Das war Ende Februar… wie geht es dir zur Zeit?

Umbra: Mir geht es zur Zeit sehr gut. Ich kann sogar sagen, ich bin glücklich. Dieser Zustand ist sehr lange her. Es hat mit mehreren Faktoren zu tun, weshalb es mir so gut geht. Mit der Therapie endete mein Studium. Ich habe erfolgreich abgeschlossen. Es stand also nun die Frage an, was ich danach machen werde. Entgegen aller Meinungen habe ich mich endlich dazu entschieden, noch eine Ausbildung in einem Beruf zu machen, der mich schon lange fesselt. Ich mache diese Ausbildung nun seit 3 Monaten und bereue es keine einzige Minute, diese begonnen zu haben. Privat war auch schon während der Therapie bei mir alles in Ordnung, ich habe eine Beziehung, in der ich sehr glücklich bin. Doch meine Erkrankung und meine Schwierigkeiten mit dem Studium haben das völlig überlagert.
Das Gefühl, seinem Herzen gefolgt zu sein, macht mich sehr glücklich und hat im Endeffekt dafür gesorgt, dass es mir auch weiterhin ohne Therapie sehr gut geht.
Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine Tage gibt, an denen ich so etwas wie „Rückschläge“ habe. Seit meiner Erkrankung bin ich wesentlich weniger belastbar geworden. Andererseits habe ich gelernt, das möglichst frühzeitig wahrzunehmen und mir eine Pause zu gönnen. Da das aber nicht immer sofort funktioniert, da man seinen Alltag doch geplant hat, gibt es Tage, an denen mir alles zu viel wird. Der Unterschied zu früher ist jedoch, dass ich mich nach ein paar Stunden wieder selbst aus diesem Zustand herausholen kann und mit neuer Kraft wieder durchstarten kann.
Mit meiner Erkrankung kamen auch schwere Verspannungen im Rücken, wodurch ich starke Migräne bekam, teilweise 2-3 Tage pro Woche. Das habe ich nun auch nur noch etwa ein Mal im Monat. Dies trägt auch wesentlich zu meiner guten Grundstimmung bei.
Ich weiß nicht, ob eine reine Veränderung des Alltages gereicht hätte, damit es mir besser geht. Ich glaube es eher nicht. Nur mit der Therapie war es mir meiner Meinung nach möglich, jetzt mein Leben zu genießen.

EMN: Kannst du ein bisschen was zur Therapie erzählen? Wir hatten ja schon einige Negativbeispiele, da wäre es mal interessant zu hören, wie eine erfolgreiche Therapie sich gestaltet.

Umbra: Also die Therapie war nicht ideal, aber die Therapeutin war bemüht und wir haben beide das Beste draus gemacht. Mir geht es besser, und das ist im Endeffekt das wichtigste, was zählt.
Ich bin bei einer gesetzlichen Krankenkasse, was die Suche nach einem Therapieplatz nahezu unmöglich macht. Ich habe mir eine Liste der Therapeuten in meiner Nähe bei der Kassenärztlichen Vereinigung ausgedruckt. Beim ersten war nur ein Band dran, auf dem schon gesagt wurde, es seien keine Plätze frei. Beim zweiten Telefonat hatte ich jemanden am Telefon, wieder eine Absage. Das hat mich so entmutigt, in meiner damals sehr schlechten Verfassung, dass ich nicht mehr in der Lage war, zum Hörer zu greifen. Ich musste meinen Freund bitten, alle abzutelefonieren, da ich selbst dazu nicht mehr in der Lage war.
In dieser Ausgangssituation nahm ich also, was ich kriegen konnte, und ging zur ersten Therapeutin, die mir zusagte. Diese Situation macht es natürlich auch schwer, den Therapeuten zu wechseln. Schließlich nimmt man lieber eine schlechte Therapie, als gar keine.
Am Anfang war es ziemlich komisch. Die Therapeutin und ich waren gar nicht auf einer Wellenlänge, sie konnte mich oftmals nicht verstehen, was das Gefühl in mir, anders oder einfach komisch zu sein, verstärkte. Sie lies sich aber gut auf mich ein, fragte nach, und auch, wenn sie mich nicht verstehen konnte, versuchte sie immer meine Gedankengänge nachzuvollziehen. Auf dieser Basis konnten wir trotz unserer Unterschiedlichkeit recht gut arbeiten.
Mir war zu Beginn wichtig, zu verstehen, oder für mich eine Erklärung zu finden, warum ich krank bin. Häufig sind ja Traumata oder sonstige Erlebnisse aus der Kindheit Auslöser für depressive Episoden. Aber meine Kindheit war schön, ich hatte ein tolles Elternhaus und nichts einprägsames Negatives erlebt. Ich war einfach schon immer recht ernst, ruhig, eher depressiv und sozialscheu. Meine Therapeutin wollte mich erst davon abbringen, das warum zu erörtern, sondern daran zu arbeiten, wie ich jetzt und in Zukunft zurecht komme. Zum glück merkte sie schnell, dass ich ein Dickkopf bin. Ohne die Klärung der Frage war ein Weiterarbeiten nicht möglich. Sie half mir, für mich eine Erklärung zu finden. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass dies an meiner Geburt liegen könnte, die sehr dramatisch und schiwerig war. Das war für mich eine wichtige Erklärung, dass ich nicht schuld an meiner Erkrankung bin, sondern diese eben schon sehr lange zurückliegende Ursachen hat, und ich nun eben „nur“ noch lernen muss, mit diesen Voraussetzungen zu leben.
Zu Beginn haben wir immer Situationen erörtert, die über die Woche geschehen sind, in denen ich mich hilflos, mutlos, antriebslos  oder ähnliches gefühlt habe. So konnte ich herausfinden, was in mir diese Gefühle auslöst. Wir fanden heraus, dass ich immer auf einem hohen Anspannungslevel bin und mich nie entspannen kann. Dadurch war ich sehr erschöpft. Sie schlug mir vor, dass sie mir einige Entspannungsmethoden beibringen könnte, und ich diese dann in Zukunft auch selbst anwenden kann. Ich war sehr skeptisch, da ich einfach noch nie „entspannt“ habe und mir das so gar nicht vorstellen konnte, dass ich das kann. Ich bin von Natur aus sehr neugierig und wollte es versuchen. Wir versuchten von progressive Muskelentspannung über Traumreisen bis hin zu Entspannungsgeschichten einiges. Manches gefiel mir gut, anderes weniger. Da die Therapeutin immer fragte, wann es mir wie gut mit diesen Dingen ging, waren die Termine irgendwann die Entspannungsinsel in meiner Woche. Das hat mir unglaublich geholfen.
Letztendlich hat ihre Haltung zu mir einiges bewegt. Auch wenn sie mich oft nicht verstehen konnte, hat sie mir immer wieder vermitteln können, dass sie das auch gar nicht muss, und ich genau so gut bin, wie ich bin. Einen Ort zu haben, wo ich mich angenommen fühlte, obwohl ich mir während meiner Erkrankung als Versager und nutzlos vorkam, tat sehr gut, und half mir, wieder Kraft zu schöpfen. Ich konnte auch meine termine selbst legen. Wenn es mir mal zu viel wurde, haben wir den nächsten Termin einfach nicht eine Woche später, sondern 2 Wochen später gemacht. Zu wissen, dass ich das mit steuern kann, und das nicht bestimmt wird, und auf mich eingegangen wird, tat sehr gut.

EMN: Klingt nach viel Engagement von beiden Seiten, die Therapie zu stemmen! Wo merkst du denn Unterschiede im Vergleich zu früher? Kannst du eine konkrete Situation schildern, die früher schwierig war und wie du jetzt darauf reagierst?

Umbra: Unterschiede merke ich viele. Ich fühle mich nicht mehr so „fremdgesteuert“, also so antriebslos, wogegen ich nichts unternehmen kann. Was ich mir vornehme, klappt meist auch, es sei denn, ich entscheide mich aktiv dafür, jetzt mal faul zu sein. Ich kann meine Pläne wesentlich besser umsetzen, ich stehe mir nicht mehr selbst im Weg. Ich kann auch besser akzeptieren, wenn ich mich mit meinen Plänen mal wieder überfordert habe und dann einfach ein paar Dinge absage. Das „erschreckende“ ist: Es hat sich dadurch nichts verändert, dass ich ab und an mal etwas absage. Mich mag deswegen niemand weniger, ich habe deswegen keine schlechteren Noten, es haben sich keine Freunde abgewendet und es wirkt auch sonst niemand in meinem Umfeld enttäuscht.
Ich bin wieder belastbarer geworden. Lief früher etwas auch nur ansatzweise nicht nach Plan, war ich total verzweifelt, wurde panisch und hab mich total reingesteigert. Ich habe stundenlang geheult und war völlig verzweifelt. Abgesehen davon, dass sowas unglaublich anstrengend ist, musste ich meist alles für den ganzen Tag absagen, da ich so fertig war. In stressigen Zeiten passiert sowas ab und zu immer noch, aber das ist derart selten, dass ich gut damit leben kann.
Das ist ein weiterer Punkt, der sich verändert hat. Ich kann mich und meine Fehler besser akzeptieren. Ich kann mich annehmen, wie ich bin, und muss nicht mehr nach absoluter Perfektion streben. Klar, ich habe immer noch hohe Ansprüche an mich. Aber ich kann trotzdem sagen: das bin ich, so bin ich, so bleib ich, lebe damit oder lass mich in Ruhe.

Es gibt damit auch viele Situationen, die früher schwierig waren, und sich nun geändert haben. Das fängt beispielsweise beim Aufstehen an. Früher habe ich mich bis kurz vor knapp im Bett gewälzt, bin oft gar nicht aufgestanden und habe mich krank gemeldet. Ich bin immer noch nicht zum Frühaufsteher geworden, aber ich kann kurz nach dem Weckerklingeln aufstehen und bin immer pünktlich. Krankgemeldet habe ich mich bisher auch immer nur noch, wenn ich eine (physische) Krankheit hatte.
Eine andere Situation ist, wenn ich mir unsicher bin, ob ich etwas tun soll, oder nicht. Früher bin ich, wenn ich ratlos war oder etwas Unvorhergesehenes war, immer total schnell in Panik verfallen. Jetzt nehme ich mir immer bewusst Auszeiten, um darüber nachdenken zu können. Fragt z.B. ein Freund, ob ich Zeit habe, und ich fühle mich mit der Frage überrumpelt und bin mir unsicher, ob es zu viel Stress für mich ist, sage ich ihm, dass ich z.B. erst am nächsten Tag bescheid gebe. Das tue ich dann aber auch, da können sich bei mir alle drauf verlassen. Wenn etwas auf der Arbeit stressig wird, gehe ich z.B. immer erst auf Toilette, da habe ich einen Moment für mich, und dann gehts ruhig, klar und ohne Panik weiter.

EMN: Mich würde noch interessieren, wie du persönlich damit umgehen würdest wenn du den Verdacht hättest, dass ein Freund oder Bekannter von dir an einer Depression leidet. Ich denke, viele sind unsicher wie man auf sowas am besten reagiert, daher wäre es interessant deine Meinung zu erfahren als jemand, der schon selbst in der Situation war.

Umbra: Ich würde ganz offen meinen Verdacht aussprechen, würde etwas von meiner Geschichte erzählen und dieser Person anbieten, dass sie mich jederzeit ansprechen kann. Da ich weiß, wie schwierig das in so einer Situation ist, würde ich die Person nach einer gewissen „Bedenkzeit“ nochmals ansprechen. Kommt dann wieder nichts, würde ich es später nochmals versuchen. Dann würde ich es dabei aber auch belassen, da ich der Meinung bin, jeder Mensch entscheidet selbst, was er für sich möchte, auch in einer Depression. Man hat schließlich auch „bessere“ Momente, in denen man möglicherweise nach Hilfe fragen kann. Wer es dann nicht möchte, hat das so für sich entschieden. Vielleicht bin ich ja auch für diese Person nicht die, mit der sie reden möchte, dann muss ich das auch akzeptieren. Jemandem dauernd auf die Nerven zu gehen halte ich für falsch. Ebenso falsch finde ich aber auch, zu bagatellisieren, zu ignorieren oder alles schön zu reden. Es ist eine schwere Gradwanderung, die für diejenigen, die noch nicht in so einer Situation waren, umso schwieriger ist.

EMN: Wollen wir das Interview so posten oder gibt es von deiner Seite noch etwas, das du wichtig findest und das ich noch nicht gefragt habe? Irgendwelche Tipps, Hinweise, etwas das noch gesagt werden sollte?

Umbra: Grundsätzlich ist alles gesagt, soweit das bei so einem Thema möglich ist.
Was ich gerne noch ansprechen möchte, ist das Bild von psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft, bzw. wie ich damit umgegangen bin. Ich habe selbst eine Zeit lang mit psychisch kranken Menschen gearbeitet und habe sie immer motiviert, offen mit ihrer Krankheit umzugehen, sofern sie das wollten. In der Zwischenzeit sehe ich das anders, nachdem ich nun in derselben Situation war. In meinem Umfeld wussten nur sehr wenige von meiner ambulanten Therapie. Dazu zählten mein Freund und meine Eltern. Anderen habe ich nur davon erzählt, wenn es mal auf dieses Thema zu sprechen kam oder sie selbst von schweren Zeiten in ihrem Leben erzählt haben. Ich hatte unglaublich Angst davor, als schwach und Versagerin dazustehen. Ich war immer motiviert, fleißig, ordentlich, zielstrebig und ehrgeizig…. ich wurde um Rat gefragt, galt als diejenige, die viel weiß… diesen Ruf wollte ich nicht verlieren. Ich habe studiert, und wenn ich oft nicht zu Vorlesungen gehen konnte, hab ich allen gesagt, die Vorlesungen langweilen und nerven mich nur.
Vielleicht erinnert das einige, daran zu denken, dass auch die, die immer stark wirken, an einer psychischen Erkrankung leiden können. Und dass mehr Verständnis und weniger Ablehnung vielen helfen könnte, sich nicht zusätzlich noch elend zu fühlen.

Kommentare
  1. Neuer Peter sagt:

    Sehr interessant, danke!

    Ich finde es als Laie unheimlich schwer, zwischen der alltäglichen Antriebslosigkeit, die wir alle ab und an mal haben, und einer Depression zu unterscheiden. Das macht es sehr schwer, einen Verdacht auch auszusprechen.

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    • Ich würde sagen, dass ein Verdacht ja nicht gleich als „Bist du depressiv?“ geäussert werden muss sondern man kann sich ja langsam rantasten… „Mir ist aufgefallen dass du in letzter Zeit bedrückter wirkst“ oder „Ich habe das Gefühl dass du dich zurückziehst“ kann ja ein Einstieg sein und wenn die Person nicht verneint (Wenn sie sagt, dass es nicht so ist würde ich es dabei belassen und ggf. später irgendwann nochmal nachfragen) kann man immernoch weiter fragen.
      Ein guter Einstieg um zur professionellen Hilfe anzuregen ist aus meiner sicht ob derjenige mal beim Arzt war um einen Bluttest zu machen. Das finde ich ziemlich niederschwellig, da es einerseits zeigt, dass man das Gefühl hat dass es mehr sein könnte als nur mal etwas Müde sein und andererseits nicht gleich überdramatisiert. Es ist ja tatsächlich sinnvoll als allererstes mal zu schauen ob irgendein Mineral fehlt oder die Schilddrüse nicht richtig arbeitet.

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  2. connysblog sagt:

    Danke für dieses tolle Interview. Beim Lesen ging es mir durch und durch und ich hab ganz viel von mir wiedererkannt. Eure Worte geben mir Hoffnung und lenken den Blick nochmal auf wichtige Aspekte, die wieder von mir verdrängt waren!🙂 Danke!

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  3. guinness44 sagt:

    Sehr gut, vielen Dank. Ein positives Beispiel ist immer hilfreich. Besonders das Schlusswort ist sehr wertvoll. Weiterhin viel Glück für Umbra.

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  4. […] mit Umbra über eine überwundene Depression […]

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