Anders

Bild  —  Veröffentlicht: Mai 16, 2013 in Uncategorized

Eben hatte ich eine -für mich- ganz interessante Diskussion mit einem Kommentator zum letzten Artikel. Es ging um Triggerwarnungen und unsere unterschiedlichen Sichtweisen dazu. Ich habe mich entschlossen, das ganze Gespräch an dieser stelle als Extrablog zu veröffentlichen weil ich schon länger mal was zu Triggerwarnungen schreiben wollte und auch wenn sich evtl. durch die Gesprächssituation manches wiederholt oder nicht ganz so fließend aufgebaut ist wie ein Text dazu fand ich die Fragen und Einwände sehr spannend.

Kommentator: An sich kann ich den Post zustimmen, aber ich verstehe nicht was das Problem an Triggerwarnungen ist.
Denn diese Warnungen lassen doch gerade die Entscheidung ob man sich mit einem Thema beschäftigen will bei den Individuen. Und ich kann es total verstehen das man sich (auch aus Selbstschutz) nicht jederzeit mit jedem Thema auseinandersetzen will (kann). Denn genauso absurd wie “über das Thema darfst du nicht reden” finde ich Argumentationen wie “über das Thema musst du gerade reden.”

EMN: An Triggerwarnungen finde ich problematisch, dass damit aktiv ein Vermeidungsverhalten unterstützt wird, das dysfunktional und Teil der Erkrankung ist. Natürlich ist es zunächst erleichternd für den Betroffenen, aber es ist ähnlich wie z.b. Mechanismen der Coabhängigkeit zwar zunächst hilfreich scheinen aber tatsächlich den Abhängigen weiter in der Erkrankung halten.
Teilweise kann man sicher drüber streiten, da im Rahmen einer Traumatherapie Konfrontation ja auch dosiert und geplant durchgeführt wird und nicht plötzlich und unerwartet. Aber der Unterschied ist aus meiner Sicht, dass Therapie ein geschützter Raum ist, während das reale Leben das nicht ist und nicht sein kann. Was bringen einzelne Triggerwarnungen, wenn im realen Leben dennoch ein Wort, eine Geste, ein Bild oder ein Geruch ein Auslöser sein kann? So schafft man es vielleicht, einen geringen Prozentsatz voin Triggern “auszufiltern”, aber der damit verbundene Schaden, nämlich die Unterstützung eines dysfunktionlen Musters, ist m.E. größer als der Nutzen.
Es muss vielmehr klar werden, dass das bedürfnis nach “sicheren Räumen” absolut verständlich ist, aber auf der anderen Seite auch nicht realistisch. Je mehr ich versuche, äusserlich sichere Räume zu schaffen, desto schutzloser werde ich im Prinzip innerlich, da ich mich mehr auf diesen äusseren Schutz verlasse und wenn der mal wegfällt ist es umso schlimmer.
Man kann es auch mit den Mechanismen einer Agoraphobie vergleichen, wo (wenn man nichts dagegen unternimmt) der “sichere Raum” meist immer kleiner und kleiner wird mit der Zeit. Es gibt Betroffene, die irgendwann nur noch auf wenigen Quadratmetern oder einzelnen Möbeln (sicherer Sessel) leben. Mit Traumata kann das ähnlich sein, wenn man immer mehr und mehr mögliche Trigger vermeidet. Je mehr ich vermeide, desto kleiner werden die Trigger.

Es geht mir weniger um einzelne Situationen sodern darum, dass Triggerwarnungen eben ein System schaffen, in dem suggeriert wird, dass es ok und gut ist zu vermeiden und eine scheinbare Kontrolle geschaffen wird, die aber tatsächlich nicht vorhanden ist. Das Bedürfnis wird zunächst befriedigt, aber der Fall ist umso höher wenn klar wird, dass es keine reale Sicherheit geben kann.

Das war jetzt ausführlicher als ich vorhatte…. ist rübergekommen, was ich meine?

Nachtrag: Nochmal was zum letzten Satz: Ich stimme dir da völlig zu. Es sollte nie ein Zwang bestehen über Themen reden zu müssen. Der Unterschied ist für mich, dass der Betroffene dennoch lernen muss, mit Triggern umzugehen und diese abzublocken. Und eben nicht durch äusseres Vermeidungsverhalten sondern innere Schutzwälle. Beides schließt sich gewissermaßen aus, denn innere Schutzwälle können nur durch Übung/Konfrontation und Entwicklung von Selbstbewusstsein (“Ich kann damit umgehen”) wirklich entstehen. Äusseres schutzverhalten durch Triggerwarnungen usw. und auch die Unterstützung darin von Anderen vermittelt aber eher Hilflosigkeit (“Ich könnte damit nicht umgehen… zum Glück bin ich darauf nicht unvorbereitet gestoßen, nicht auszudenken wie es mir damit gegangen wäre” oder eben von anderen “Du brauchst Schutz, du kommst damit nicht klar”)

Kommentator: Ich verstehe was gemeint ist, trotzdem bin ich da anderer Meinung. Denn gerade die Triggerwarnungen machen es doch Möglich sich langsam an ein Geschehen herranzutasten. Wenn ich ein traumatisches Erlebniss habe, dann wende ich mich doch auch erst mal an Menschen die mir Sicherheit geben können und gehe eben nicht einfach heraus in die Welt wo ich keinen Schutz habe.
Wenn ich weiß das ein Raum (wie z. B. eine Website) mit solchen Dingen vorsichtig umgeht, traue ich mich vielleicht den Raum trotz eines traumatischen Erlebnisses zu besuchen. Dort nehme ich dann Kontakt zu anderen auf und kann mein Trauma Stückweise überwinden. Wenn ich keinen solchen Raum kenne, bleibe ich doch gerade in meinen 4 Wänden und versuche so weit wie möglich jeden Kontakt zu vermeiden aus Angst verletztt zu werden.
Auch Freunde werden doch nicht am Tag wo dich deine große Liebe verlassen hat dir klarmachen wie sinnlos dein Schmerz ist, sondern dich erst mal ausheulen lassen und dir ein paar Tage später mitteilen das es kein Weltuntergang ist.
Denn sonst kann es durchaus für den Einzelnen ein Weltuntergang sein.

EMN: Ich verstehe worauf du hinaus willst, und der Weg von schrittweise wieder in die Welt gehen ist sicher ein Ideal, das vermutlich auch schon Menschen geschafft haben.
Meine (nicht ganz unbegründete) Befürchtung ist aber, dass der Weg eher andersherum verläuft. Ein Trauma ist ja meist etwas so schlimmes, dass Konfrontation damit unendlich weh tut. Und eine nachvollziehbare und logische Reaktion ist es, diesen Schmerz so gut es geht zu vermeiden. Und macht man erstmal die Erfahrung, dass das schon irgendwie möglich ist (der Mensch tickt ja so, dass kurzfristige Entlastung extrem positiv wirkt), indem man z.b. merkt dass man eine Website “gefahrlos” besuchen kann macht man die positive Erfahrung, dass sich das gut anfühlt und sogar von anderen unterstützt wird. Es ist durchaus möglich, sich eine kleine welt zu schaffen mit Personen, die einen unterstützen und “sicheren Orten”, in der man einigermaßen gut leben kann.

Das Problem ist, es fühlt sich gut an, zu vermeiden. Macht man diese Erfahrung und wird von anderen darin bestärkt, führt das weiter auf einen dysfunktionalen “Lösungsweg” der im Endeffekt aber nur ein selbst geschaffenes Gefängnis ist, auch wenn es sich wie ein “sicherer Raum” anfühlt.

Kommentator: Was mir hier aber fehlt ist die Situation des Einzelnen zu beachten. Ein Beispiel aus meinen eigenen Umfeld. Ein Mann verliert seine Frau durch Herzstillstand (aufgrund von Krankheit, aber egal). Er versucht noch selbst eine Wiederbelebung, als die Rettungssanitäter eintreffen ist sie aber Tod. Die Rettungssanitäter stellen bei der Untersuchung fest das er viel zu schwach reanimiert hat und teilen ihn das gleich mit. Er besäuft sich deswegen am selben Tag massiv und bringt sich versehentlich fast um.

Hätte man ihn das eine Woche später gesagt, hätte es vermutlich keine solche Folgen gehabt. Der akute Schock war einfach zu groß.
Eine Triggerwarnung hätte jetzt so ausgesehen: Der Rettungssanitäter fragt ob er noch Mitteilungen zum Tod machen darf oder dies lieber später machen soll.
Der Polizist der dann kam, hat es genau so gemacht: Er hat gefragt ob es O.K. ist über den Todesfall gleich zu sprechen oder ob er in ein paar Tagen wiederkommen soll.

Das bringt mich auf eine Idee. Vielleicht sollte man (z.B. per Cookie) zählen wie oft jemand wegen einer Triggerwarnung eine bestimmte Website nicht anklickt. Und dazu Hinweise geben wie: “Sie haben schon 16 mal wegen einer Triggerwarnung diese Seite nicht besucht, vielleicht sollten Sie darüber nachdenken die Probleme behandeln zu lassen.” (Natürlich besser und netter Formuliert)

Wobei sich dabei immer die Frage stellt, muss ein Mensch jegliche information die Möglich ist sehen ? Gerade wenn es nicht um alltägliche Dinge geht (z.B. massive Gewaltbilder) die man vermutlich Zeit seines Lebens nie so mitbekommen würde wenn es kein Internet gäbe, muss man sich damit auseinandersetzen ? Muss man deswegen Alpträume zulassen ? Oder darf man sich entscheiden sie zu ignorieren ?

EMN: Krass, die Situation mit dem Herzstillstand. in dem Fall würde ich aber gar nicht von Trigger reden (Trigger sind ja eher Auslöser für Erinnerungen an Traumata) sondern von einem Trauma an sich. Und zu dem Trauma zählt das extrem unsensible und unprofessionelle Verhalten des Sanitäters dazu. Sowas geht einfach gar nicht aus meiner Sicht! Auch Tage später hätte ich nie sowas gesagt wie “sie haben ja viel zu schwach reanimiert (und deshalb ist ihre Frau jetzt tot)” – die Frau ist tot, warum sollte man dem Mann noch schlimmere Schmerzen zufügen? Wenn es darum geht den Mann besser auf zukünftige Situationen vorzubereiten hätte man ihm auch raten können, irgendwann einen erste Hilfe Kurs zu besuchen – aber auf die Art wird er vermutlich eher gar nicht mehr reanimieren als nochmal was falsch zu machen…

Ich glaube, ich muss vielleicht nochmal sagen, dass ich nicht gegen rücksichtnahme bin. Ich würde z.b. nie mit einer traumatisierten Freundin eine Serie wie “Game of Thrones” anschauen ohne ihr zu sagen, dass die Serie heftiger ist (würde ich aber bei jedem machen). Das ist für mich Rücksichtnahme. Idealerweise würde ich sie vielleicht ermutigen, die Serie dennoch mit mir zusammen zu sehen (wenn ich mir zutraue evtl ihre Reaktion auszuhalten).

“Achtung Trigger!” ist aber m.E. viel mehr als das und eher eine Art systematische Vermeidungsunterstützung. Eher vergleichbar damit einem Alkoholiker ausreichend Bier hinzustellen damit er keine Entzugssymptome bekommt. Trigger bezieht sich direkt aufs Trauma (ist ja ein dahingehender Fachbegriff) und sagt somit unterschwellig “Wenn du traumatisiert bist, bist du evtl zu schwach dafür”. Wenn man rücksicht nehmen will würde es reichen zu sagen “Ich habe hier Link XY, da gehts um eine vergewaltigte Frau” und nicht “Trigger warnung V*rgew****” oder ähnliches.

Der Unterschied ist für mich, dass Rücksicht für mich bedeutet, den Leuten die Entscheidung zu überlassen und gleichzeitig zu signalisieren, dass sie kompetent sind. Triggerwarnungen gehen da aber einen schritt weiter und nehmen schon Verantwortung ab, bzw WARNEN davor. Eine Warnung ist mit Gefahr verbunden, den Leuten wird also gesagt “Achtung, das was kommt ist gefährlich für dich” und nicht “Da kommt was, ich glaube aber, damit kannst du umgehen”… großer unterschied!

Kommentator: Mag nicht ganz das gleiche sein, aber wie sieht es dann mit Verkehrswarnschildern aus. Dort steht doch auch Warnung, freilaufende Elche (oder so was). Natürlich können dir Elche überall begegnen, aber wenn du weißt das es hier gerade wahrscheinlich ist, kann eine Warnung helfen sich darauf einzustellen (oder umzudrehen).
Auch wenn ich den Fachbegriff Trigger nicht kenne, dienen die meiner Erfahrung nach nicht dazu das in einen Forum eventuell auch über gewalttaten geschrieben wird, sondern das man weiß das sie dort ganz sicher vorkommen.
Vielleicht dienen sie ja auch dem Schutz vor einer Traumatisierung.

Ein Beispiel dazu auch aus den echten Leben. Ich habe in Helsinki ein Einkaufszentrum besucht in dem sich unmittelbar vor meinen Eintreffen ein Mensch zu tode gestürzt hatte. Als wir aus den Einkaufszentrum wieder hinausgegangen sind, hatten sich dort schon Menschen vom Personal davor postiert, die jeden Hineingehenden darauf hingewiesen haben was dort passiert ist. Sie haben jedoch niemanden daran gehindert hineinzugehen.
Ist das nicht auch eine Art Trigger-Warnung ? Wenn ihr weitergeht werdet ihr mit einem Suizidfall konfrontiert ? Wo ist der Unterschied zu Trigger-Warnungen im Internet ?

EMN: Ah ok, wir haben ein ganz zentrales Problem, nämlich was die Begriffe angeht.

Das wird jetzt vielleicht etwas viel um es zu erklären, aber ich versuche es kurz zu fassen. Du verwechselst im Prinzip einen Trigger mit einer potentiellen Quelle von Traumatisierung. Das was du mit dem zu tode gestürzten Menschen beschreibst kann u.U. eine Traumatisierung auslösen. Ein Trauma ist der Fachausdruck für eine Reihe von Symptomen (z.b. plötzliche Bilder oder Gefühle, die mit dem Trauma in Verbindung stehen, Vermeidung, Übererregbarkeit, etc) die nach einem schwerwiegenden(!) Ereignis, das die meisten Menschen sehr verstören würde, auftritt.

Zum Traumasymptom gehört es meist dazu, dass die Person in Zukunft potentielle Trigger (also auslöser für Symptome) vermeidet. Wurde eine Person z.b. von einem Mann in roter Jacke überfallen kann der Anblick von Männern in roter Jacke zu plötzlichen Bildern oder Panik führen, weswegen die Person dann z.b. im Winter nicht in die Stadt geht um Männer in roten Jacken zu vermeiden. Das ist aber dysfunktional, da es zu einer Ausbreitung führen kann, so dass die Person z.b. in zukunft auch bei lila Jacken, blauen Jacken und überhaupt Jacken Panik bekommt.
Vermeidung ist daher ein zentraler Teil des Problems.

Wichtig ist dabei zu unterscheiden, dass Trigger keine Traumaauslöser sind. sie sind nicht schwerwiegend, wenn man nicht speziell darauf traumatisiert ist. Ein Mann in roter Jacke ist nicht per se Traumatisierend. Eine blutige Leiche hingegen möglicherweise schon. Davor ist eine Warnung absolut angebracht, denn es kann überhaupt erst ein Trauma auslösen.

Nun gibt es eine Reihe von Dingen, die relativ oft triggern. Eine rote Jacke ist sehr speziell. Aber Geschichten über Vergewaltigungen, Gewalt o.ä. kann bei relativ vielen Menschen mit Traumatisierung(!!) dazu führen, wieder an das Trauma erinnert zu werden. Eine gesunde Person wird keine Symptome haben wenn sie einen Artikel über Vergewaltigung liest sondern sich höchstens etwas betroffen, traurig oder wütend fühlen. Ein Traumaopfer das selbst vergewaltigt wurde könnte dadurch jedoch an das eigene Trauma erinnert werden.

Daher setzen manche Menschen Triggerwarnungen vor solche Inhalte. Das ist zwar gut gemeint, aber im Endeffekt ist es eine Unterstützung eines kranken Verhaltens (nämlich Vermeidung). Es festigt nämlich u.a. die krankheitsbedingte Assoziation von GEFAHR bei Triggern. Diese sollte sich im Lauf der Zeit (oder z.b. Therapie) lösen, so dass z.b. rote Jacken wieder neutral werden und keine Ängste auslösen. Wenn ich nun aber vor jeder Roten Jacke ein riesiges Schild anbringe mit “ACHTUNG GEFAHR” wird das nicht passieren, es festigt sich nur umso mehr.

Kurz gesagt also: Warnungen vor potentiell traumatischen Dingen wie Leichen oder Unfallorten sind gut. Warnungen vor Triggern, die Erinnerungen an so etwas auslösen könnten sind nicht hilfreich.
Eine Warnung sollte nur vor Inhalten erfolgen, die eine gesunde Person wirklich tiefgreifend verstören könnten. Ein Artikel über Vergewaltigung oder eine Doku über Gewalt gehört nicht dazu.

Edit: Ich denke, damit ist die Frage nach den Verkehrswarnschildern auch beantwortet. Diese warnen vor einer tatsächlichen Gefahr und hier ist es gut wenn die Assoziation mit Gefahr bei Überschreitung gefestigt wird. Bei Triggern ist das genau falsch, da keine reale Gefahr besteht sondern die wahrnehmung von Gefahr ein Zeichen der Erkrankung ist.

Kommentator: Danke für die Fachkundige erklärung. So verstehe ich das jetzt. Ich frage mich ob das die meisten Menschen die “Triggerwarnung” irgendwo dran schreiben auch wissen.

Ich finde nur die Beispiele mit z.B. Vergewaltigungsgeschichten irritierend, weil solche Erzählungen, teilweise mit Bildern, durchaus auch Schocks auslösen können.
Ich hab zum Beispiel nach Dokumentationen über den Holocaust als Kind wochenlang Alpträume gehabt. Dabei war ich ja nie betroffen…

EMN: Bei Kindern ist es auch nochmal was anderes, da ist die Verarbeitung von sowas anders als bei Erwachsenen. Das Thema Jugendschutz ist ja durchaus nicht unbegründet – ich erinnere mich auch noch, nach einem im nachhinein betrachtet sehr harmlosen Thriller wochenlang Angst im Dunklen gehabt zu haben.
Bei Vergewaltigungsgeschichten würde ich spontan sagen, dass sowas bei gesunden, nicht vorbelasteten Erwachsenen sicher Unbehagen auslöst aber eine Traumatisierung halte ich nicht für realistisch. Aber zwischen negativen Gefühlen und Traumatisierung ist auch nochmal ein riesiger Schritt. Im Rahmen einer Geschichte (sei es fiktiv oder auch real) sehr stark mitzufühlen bis hin zu Tränen in die Augen kriegen o.ä. ist nicht unnormal, aber ein nicht traumatisierter Mensch kann das relativ schnell verarbeiten. Früher waren die Kriterien für ein traumatisches Ereignis noch härter als heute, da war Bedingung, dass man Todesangst haben oder den Tod eines wichtigen Menschen befürchten musste. Heute ist das etwas weiter gefasst, aber trotzdem fällt das Sehen eines extremen Horrorschockers nicht in diese Definition – falls ein Erwachsener nach dem Ansehen Traumasymptome entwickelt wäre eher die Vermutung nahe, dass ein älteres Trauma dadurch wieder hoch gekommen sein könnte.

Was das Wissen um die Bedeutung von Triggerwarnungen angeht frage ich mich das auch oft. Teilweise werden die ja sehr inflationär gebraucht für alles mögliche wie “Triggerwarnung, kapitalistische Aussage” o.ä. – das Problem dabei ist nur, dass ein Traumaopfer meist die Bedeutung sehr genau kennt und das natürlich in dem Sinne interpretiert – selbst wenn der Triggerwarnende es vielleicht anders gemeint hat. Andererseits ist ja allein das Wort “Warnung” schon unverhältnismäßig. Muss ein erwachsener Mensch wirklich gewarnt werden, wenn es in einem Artikel um Gewalt geht? Würde nicht ein “In dem Artikel gehts um Gewalt” schon reichen um die Entscheidung “Will ich lesen” oder “Brauch ich mir heute nicht durchlesen, bin eh schon schlecht drauf” treffen zu können.

So, Ende des “Warum ich Triggerwarnungen kritisch sehe”-Vortrags ;) Danke für deine Fragen, das hat für mich auch nochmal bewusster gemacht warum viele von meiner anti-Triggerwarnungshaltung überrascht sind.

 

Falls noch jemand Kritik oder Anmerkungen zum Thema hat würde ich bitten, das unter diesem Artikel (nicht unter dem letzten) zu posten, dann ist das hier der Trigger-Thread ;)

Muttertag.

Veröffentlicht: Mai 13, 2013 in Uncategorized

Zum Muttertag stieß ich wiedermal auf einige Blogs und Artikel, die sich kritisch mit selbigem beschäftigen. Nun will ich gar nicht darüber schreiben, inwieweit der Tag nun kritikwürdig ist oder nicht sondern über ein ganz bestimmtes Argument, das mir auch schon häufiger in anderen Kontexten begegnet ist: “Muttertag ist deshalb kritisch zu betrachten weil es Frauen gibt, die keine Kinder kriegen können, ein Kind verloren haben oder andere Gründe haben warum das Thema Mutterschaft für sie schmerzhaft ist”. Im Prinzip kann man das bei fast jedem Thema finden – sei es, dass über ein “Knutschverbot” von Heterosexuellen diskutiert wird, solange Homosexuelle nicht frei knutschen können , die allgegenwärtigen “Achtung Trigger”-Warnungen vor bestimmten Themen oder diverse andere Forderungen nach “Rücksichtnahme” auf die vermeintlich weniger Glücklichen.

Ich sehe das kritisch. Aus mehreren Gründen. Rücksichtnahme und sich in andere hineinversetzen ist zunächst mal was, was ich durchaus positiv sehe. Schwierig finde ich allerdings die Botschaft dahinter “Du kannst damit nicht umgehen, daher übernehme ich für deine Gefühle Verantwortung”, die dem Gegenüber in gewisser Weise Kompetenz abspricht. Ausserdem – und das finde ich noch schlimmer – wird damit auch suggeriert, dass es besser ist, schwierigen Themen auszuweichen statt sich damit auseinanderzusetzen.

Ich denke, jeder hat gewisse Themen, die für ihn unangenehm sind. Ich hoffe auch, dass die meisten schon die Erfahrung gemacht haben, dass so ein Thema mit der Zeit weniger schlimm wird. Liebeskummer zum Beispiel. Die meisten waren wohl schon einmal unglücklich in jemanden verliebt. Wenn man Monate oder Jahre später dann an diese Person zurückdenkt sind diese Gefühle plötzlich weit weg und es fällt einem schwer sich nochmal in diesen -damals wahnsinnig schrecklichen- Schmerz hineinzufühlen (an der Stelle bitte ich darum, keine “Aber Liebeskummer ist doch viel weniger schlimm als XY”-Argumentation anzufangen, denn natürlich gibt es weit schlimmere Dinge als Liebeskummer. Es geht lediglich um ein Beispiel.)

Manchmal ist es tatsächlich die Zeit, die eine Wunde heilt, manchmal die Tatsache eine bessere Alternative gefunden zu haben. Oft ist der Weg aber auch eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit einem Verlust, ein Prozess in dem Gefühle verarbeitet und Lebensentwürfe geändert werden müssen um am Ende Frieden mit einem Thema zu schließen.

Ein Thema kann nur so sehr weh tun wie der Schmerz dahinter ohnehin weh tut. Auch wenn wir ihn vielleicht grade nicht spüren weil wir abgelenkt sind, er ist trotzdem da. Ein Muttertag VERURSACHT keinen Schmerz bei einer ungewollt Kinderlosen Frau, er lenkt nur ihre Aufmerksamkeit auf den Schmerz und zeigt, dass da noch etwas in ihr ist, das weh tut. Etwas, das sie für sich verarbeiten muss um zufrieden zu sein. Würde es ihr helfen, wenn ihre Umgebung darauf achten würde, dass sie nie wieder ein Kinderlachen hören muss oder das Wort “Mutter”? Oder sagt man ihr damit nicht eigentlich, dass es unmöglich für sie ist, den Schmerz je zu verarbeiten und dass es keine Möglichkeit für sie gibt, als Kinderlose trotzdem ein glückliches Leben zu führen?

Ich finde es eher bedenklich, wenn Menschen darin bestärkt werden, schwierige Themen so gut wie möglich zu meiden statt sie darin zu unterstützen mit diesem Thema umzugehen. Manchmal bedeutet Unterstützung eben auch, dass man nicht vor Rücksichtnahme zerfließt sondern es aushält, dass das Gegenüber traurig ist und da ist, wenn es darum geht, das aufzufangen – sowohl im Kleinen als auch im Großen als Gesellschaft. Es bedeutet nicht, einen großen Bogen um gewisse Themen zu machen, damit keiner unangenehm berührt wird sondern vielmehr offen zu sein, Schmerz wahrzunehmen, Verständnis zu zeigen und Hilfsangebote zu machen. – Und dabei die feine Balance zu wahren zwischen Respekt vor den Wünschen des Betroffenen und Respekt vor dessen Stärke und Kompetenz, mit Problemen umzugehen.

In diesem Sinne – nachträglich allen einen schönen Muttertag.

sorgen

Bild  —  Veröffentlicht: Mai 7, 2013 in Comics

vergleich

Bild  —  Veröffentlicht: Mai 3, 2013 in Uncategorized

ritalin2

Bild  —  Veröffentlicht: Mai 2, 2013 in Uncategorized

ritalin

Bild  —  Veröffentlicht: Mai 2, 2013 in Comics

Das Problembuch.

Veröffentlicht: April 30, 2013 in Uncategorized

Mir kam grade eine Intervention für Leute, die zu viel Grübeln, in den Sinn.

Hauptsächlich für Personen, die sich schnell Sorgen machen, oft über “Kleinigkeiten” grübeln und im Extremfall unter einer Generalisierten Angststörung leiden.

Das Problembuch.

Im Problembuch werden alle Überlegungen aka Horrorszenarien, die im Laufe der Zeit auftreten notiert (z.B. “Was wenn die Autoreparatur mehr kostet als erwartet? Was, wenn die Post morgen nach der Arbeit schon geschlossen hat? Was, wenn meine Freundschaftsanfrage bei Facebook ignoriert wird? etc) und nach einer Woche (oder 2 Wochen oder einem Monat) nochmal durchgelesen und kurz das Ergebnis dahinter notiert – also entweder ob das Szenario überhaupt eintraf und falls ja, wie man es gelöst hat (z.B. Waren 100 Euro mehr, konnten aber mit der Bezahlung warten bis Gehalt auf dem Konto war, Post hatte noch offen, Anfrage wurde angenommen, etc).

Was haltet ihr davon? Kingt das praktikabel? Wie würdet ihr als Patient auf die Intervention reagieren? Was könnte es bringen (positiv oder auch negativ)? Was würdet ihr vermuten sind die Ziele der Intervention?

(Btw., ich kann mir gut vorstellen dass sowas schon häufiger gemacht wurde oder schon in irgendwelchen Manualen zu finden ist. Ich erhebe also kein Copyright :D )

kram

Bild  —  Veröffentlicht: April 29, 2013 in Uncategorized

Praxisbilder

Veröffentlicht: April 29, 2013 in Uncategorized

Ich hatte ja angekündigt, euch noch öfter um Rat zu fragen, was die Praxis angeht. Hier erstmal vorher – nachher – Bilder zur Praxis. Sie ist natürlich noch nicht fertig eingerichtet und deshalb an einigen Stellen noch etwas kahl (z.b. rechts neben der Tür wo noch ein Regal fehlt) oder unfertig. Aber das Wesentliche ist da. Mich würde eure Meinung interessieren, da ich doch ziemlich nervös bin, jetzt wo es so langsam ernst wird^^

Was alles gemacht wurde im Einzelnen: Die verschimmelte Holzverkleidung und Tapete musste weg, es wurde frisch verputzt und gestrichen, die Fenster wurden ausgetauscht und etwas nach aussen versetzt, der Boden mit dunklem Laminat ausgelegt, der Kamin wurde mit Schieferstein verkleidet und ein Kaminofen wurde installiert, ein Podest wurde gebaut und ein Teil des dahinterliegenden Kellers wurde zum kleinen Badezimmer umgebaut.

Das Podest und der Boden wurde übrigens von uns beiden Handwerkslaien höchst selbst gemacht. Für das wenige, was wir an finanziellen Mitteln zur Verfügung hatten, bin ich ganz zufrieden mit dem Ergebnis (Der Boden ist z.B. gebraucht gekauft für 100 Euro, der Schreibtisch + Stuhl ebenfalls für 30 Euro gebraucht, das Regal neben der Tür wurde selbst umgebaut zur Küchennische. Ich hoffe, es sieht nicht allzusehr nach Provisorium aus…)

prax